Zeiten, in denen sich Gott versteckt

Wenn man bestimmte Psalmen liest, könnte man den Eindruck bekommen, daß der Schreiber immer in hohen Regionen mit Gott wandelte. Andere Psalmen dagegen klingen nicht nach solch übersprudelndem Lobgesang. Der 23. Psalm ist ein einziger Schrei der Freude von jemandem, der Gottes Gegenwart sah. Aber im vorangehenden Psalm hört man einen anderen Schrei: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." In einem anderen Psalm stellt der Verfasser die schroffe Frage: "Herr, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?" (PSALM 10:1).

Zweifellos hätte der Schreiber einen früheren britischen Prediger verstanden, der zu seiner Gemeinde sagte: "Es gibt Zeiten, da haben wir keinen Gott." Natürlich können wir die Feststellung des britischen Predigers weder buchstäblich nehmen, noch erwartete er dies von seinen Zuhörern. Er machte den Leuten drastisch klar, daß es Zeiten im Leben guter Christen gibt, in denen der Herr zumindest scheinbar in einiger Entfernung steht.

Ein Jahr nach seinem unvergeßlichen Aldersgater Erlebnis schrieb John Wesley, daß er sich nicht so fühlte, wie er dachte, daß sich ein Christ fühlen sollte. Der "Kleine Gigant, der drei Königreiche änderte" durch sein Zeugnis für Christus, mußte lernen, daß Glaube, und nicht Gefühle, das christliche Losungswort ist.

Nennen wir diese augenscheinliche "Fahnenflucht" Gottes, wie immer wir wollen. Sie geschieht selbst bei Leuten, die Gottes Altar in ihrem Herzen aufgerichtet haben. Daraus ergibt sich die Frage: Warum sollte der Herr seinen Dienern, die zuverlässig sind, den Rücken kehren? Wir mögen erwarten, daß Gott sich von denen abwendet, die Ihn verlassen haben. Aber diejenigen, die am Glauben festhielten, Tag und Nacht beteten und vor Seinem Wort zitterten, warum sollten sie einen Abgrund zwischen sich und ihrem Herrn spüren?

Betrachten wir eine Episode im Leben des Apostels Paulus. Hier war ein Mensch, verbunden mit Gott, total verbunden, für immer verbunden. Aber in der Apostelgeschichte lesen wir, wie er vom Pöbel geschlagen wurde. Von einem Gefolgsmann des Hohenpriesters wurde er auf den Mund geschlagen. Er wurde ins Gefängnis geworfen. Trotz aller dieser schweren Prüfungen verherrlichte Paulus Gott, lobte Seine Gnade und Liebe zur Welt. Aber Gott griff nicht flammend in das Geschehen ein, um ihn zu verteidigen. Kein Engel erschien mit gezogenem Schwert. Kein großes Wunder begleitete dieses Ereignis. Wo war Gott in dieser Zeit? Warum verließ ihn Gott bei diesen sinnlos brutalen Menschen, die ihre Freude daran hatten, ihn zu mißhandeln? Sicherlich wußte der Herr, was geschah! Zählt Er nicht die Haare auf unserem Kopf und gibt Er nicht acht auf die Sperlinge, die fallen?

Wir wollen die Tatsachen nicht außer acht lassen. Gläubig zu sein kann manchmal eine einsame Aufgabe werden. Man bekommt nicht immer eine schnelle und klare Antwort, wenn man bittet. Manchmal denken ehrenwerte Prediger, ähnlich wie Jeremia, daran, von der Kanzel herunterzusteigen. Manchmal warten hart bedrängte Gläubige auf göttliche Truppen, die donnernd herabkommen - und es bleibt still. Warum muß das so sein?

Es wird gesagt, daß dieses "Verlassensein" Ruhezeiten für die Seele sind, so wie der Weinstock im Winter schläft, um zur Zeit Früchte hervorzubringen. Vielleicht scheint Gott deshalb manchmal "weg" zu sein, damit wir Ihn missen. Zuviel Bewußtsein Seiner Gegenwart kann dazu führen, Ihn für "nichts Ungewöhnliches" zu halten. Zu viele Wunder können zu etwas Alltäglichem werden.

Was auch immer der Grund für Gottes "Weitwegstehen" ist, es kann nicht sinnlos sein. Wir sind nicht nur Jünger Jesu, wenn wir im Geist sind, oder beim brennenden Dornbusch mit Ihm in Verbindung stehen.

Christen können große Probleme haben. Paulus zählte einige von ihnen auf: Er war bekümmert, verfolgt, niedergeworfen, ausgepeitscht, gefangen, schiffbrüchig, von Hochwassern, Räubern und Anhängern feindlich gesinnter Religionen bedroht, ausgelaugt, hungrig, verletzt, mittellos, sorgenvoll und gequält. Aber er erklärte: "Nichts davon berührte mich."

Auf das dunkle Geschehen in der Apostelgeschichte, wenn Gottes Gegenwart nicht die ganze Szene ausfüllt, fällt ein Lichtstrahl. Gott zeigt sich. Nicht mit Donnern oder glänzenden Heerscharen oder öffentlichen Wundern - aber Er kam. Nicht zum Mob und zu religiösen Verfolgern, sondern zu Paulus selbst. Es war eine stille Zusammenkunft! "In der folgenden Nacht aber stand der Herr bei ihm (Paulus) und sprach: Sei getrost!" (APOSTELGESCHICHTE 23:11). Und das war genug. Paulus war wieder für das Schlachtfeld gerüstet.

Gottes scheinbare Abwesenheit von den Seinen ist niemals endgültig. Sie ist nur vorübergehend. Tatsächlich ist Gott nie weit weg. Selbst als Jesus am Kreuz hing und rief: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (MARKUS 15:34). Gott beobachtete Ihn. Gott stand abseits, bis Sein geliebter Sohn Seinen Auftrag erfüllt hatte - dann offenbarte Er Seine Gegenwart in der Kraft der Auferstehung.

Gott geht nicht irgendwohin. Er sagte: "Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?" (JEREMIA 23:24). Er ist immer nahe. Wir müssen nicht Seine Nähe fühlen, da wir wissen, daß Er hier ist. Und wir haben Sein Wort darauf: "Ich will dich nicht verlassen noch versäumen" (HEBRÄER 13:5).

von Lon Woodrum

Quelle: Pentecostal Evangel