Tyndale

Am Freitag, den 6. Oktober 1536 - vor 450 Jahren - wurde William Tyndale gekreuzigt. Anschließend wurde sein Körper verbrannt. Aber es war sein Werk, welches dem englischen Volk die Schöpfungsgeschichte in einer ihnen verständlichen Sprache vermittelte, in einem in der Geschichte noch nicht dagewesenem Ausmaß.

Tyndale William Tyndale war ein Märtyrer. Er wurde etwa 1492 in England geboren und folgte den Fußstapfen des bekannten holländischen katholischen Dozenten Erasmus an den Universitäten Oxford und Cambridge. Es war Erasmus, der das biblische Studium revolutionierte, indem er das Neue Testament ins Griechische und Lateinische übersetzte - die erste neue lateinische Version seit Jeromes Vulgata im vierten Jahrhundert. Aber nur die Gelehrten und die Priester konnten sie lesen.

Zu dieser Zeit existierte in England noch ein kleiner Einfluß von Wycliffes Bibel, die vor mehr als einem Jahrhundert gedruckt worden war, und die wenigen Kopien davon besaßen nur die Reichsten.

Bedauerlicherweise blieb die Unwissenheit unter der Priesterschaft die Regel, wie Bischof John Hooper 1551 niederschrieb. Als dieser Bischof von Worcester und Gloucester seine Diözesen reihum besuchte, fand er heraus, daß von den 311 Geistlichen 171 die Zehn Gebote nicht wiederholen konnten, 10 nicht in der Lage waren, das Vaterunser in Englisch wiederzugeben und sieben nicht den Autor wußten. Tyndale, ein katholischer Priester, war über die Mißstände in der Kirche sehr betrübt. So entschloß er sich im Alter von 30 Jahren, obwohl er noch ein Priester war, von 1521 bis 1523 Tutor von Sir John Walsh, einem Ritter von Gloucestershire, zu werden.

Die Gastfreundschaft von Sir John und Lady Walsh führte oft dazu, daß Doktoren und Äbte mit William Tyndale eine Mahlzeit einnahmen, worauf meistens eine Diskussion folgte. Eines Tages sagte ein gelehrter Geistlicher zu Tyndale: "Wir wären besser dran ohne die Gesetze Gottes als ohne die des Papstes." Tyndale erkannte, daß dies leider die vorherrschende Ansicht vieler Geistlicher war, die wenig Bibelkenntnisse hatten. Es vergrößerte noch seine Sorge, daß nicht nur die Geistlichen, sondern auch die einfachen Leute Gottes Wort in einer Sprache, die sie verstanden, benötigten. Tyndale antwortete: "Ich verachte den Papst und all seine Gesetze. Wenn Gott mein Leben viele Jahre erhält, will ich dafür sorgen, daß der Junge hinter dem Pflug mehr Schriftkenntnisse besitzt als ihr." Nach Meinung der Gelehrten war Tyndale jetzt eindeutig ein Ketzer.

Tyndale wurde bereits ein Jahr zuvor wegen Ketzerei vor Gericht gestellt und mit einer Verwarnung entlassen. Aber es würde keine weiteren Verwarnungen geben. Der Priester Erasmus sagte, er wünsche sich, jedermann könne Gottes Wort in seiner eigenen Sprache erhalten, doch Tyndale sollte genau das erreichen. Nach John Wycliffes Übersetzung der Bibel 1388 wurde ein Gesetz erlassen, welches jedermann verbot, ohne vorherige Genehmigung solch einer Aktion durch einen Bischof die Bibel zu übersetzen. Tyndale verließ seine Tutorenstelle in Bristol und ging nach London, um diese Erlaubnis zu erhalten. Bischof Tunstall, Bischof von London, hielt ihn sechs Monate lang hin und verweigerte danach kaltblütig die Erlaubnis.

Übersetzung der Bibel

Da es auf englischem Boden offensichtlich schwierig war, die Veröffentlichung der Bibel in einer verständlichen Sprache durchzuführen, setzte Tyndale 1524 auf den europäischen Kontinent über. Er hatte seine Übersetzung während seines Aufenthaltes in London begonnen und setzte sie fort, als er bei Luther in Wittenberg war.

Tyndale fand einen Drucker in Köln (Deutschland), der eine neue Druckmethode verwendete, indem er Leinentücher einstampfte und verdünnte und anschließend mit Metallbuchstaben bedruckte. Die ersten Übersetzungen seines Neuen Testamentes in verständlicher Sprache erreichten England im Jahre 1526. Bischof Tunstall, Heinrich VIII.. und Heinrichs Kanzler, Kardinal Thomas Wolsey - Tyndales Feinde - waren glücklicherweise zu beschäftigt, um das Ereignis zu bemerken.

"Das Buch der Ketzerei"

Aufgrund einer Weizenknappheit herrschte in England eine Hungersnot. Die Schiffe, die Weizen von Europa brachten, um den physischen Hunger zu stillen, führten in ihren Schiffskörpern Tyndales Neues Testament mit sich. Reiche evangelische deutsche Kaufleute entluden in den Londoner Häfen die Bibeln in ihrem speziell markierten Gepäck. Die Kosten des Schmuggelns und Druckens? Es wurde als guter Kauf betrachtet, wenn man ein Neues Testament für einen Wochenlohn bekam! Bischof Tunstall geriet in Wut über die neue Ausgabe in England, warf eine Kopie öffentlich ins Feuer und drohte jedem Besitzer dieses "ketzerischen", in gewöhnlicher Sprache geschriebenen Buches eine ähnliche Behandlung an. Tunstall war dabei, eine verlorene Schlacht zu kämpfen.

Wie ein Katz- und Mausspiel erschien die Bibel in ganz England und Europa. Das waren gefährliche Zeiten. Viele wurden eingesperrt, und einige bekannten sich unter Druck zur Ketzerei. Ein Teil ihres Widerrufs beinhaltete die öffentliche Demütigung, ein Bündel Reisig zu tragen und das anstoßerregende Buch zu verbrennen.

Tyndale erhielt bald einen schweren persönlichen Rückschlag; das Schiff, mit dem er reiste, erlitt vor der Küste Hollands Schiffbruch. Er verlor all seine wertvollen Bibelmanuskripte. Dadurch hatte er keine andere Wahl, als noch einmal von vorne zu beginnen. Aber es war nicht alles entmutigend. Sogar seine Feinde gaben Tyndale unwissend finanzielle Hilfe. Der Bischof von London kaufte einem Kaufmann namens Packington eine Schiffsladung Bibeln ab, in der Hoffnung, das Verbrennen der Bibeln würde die Bibelflut eindämmen. Doch das Ergebnis war das Gegenteil. Der Bischof hatte seine Bibeln zum Verbrennen. Der Kaufmann hatte seinen Dank. Tyndale hatte genug Geld, um 51.000 verbesserte Exemplare des Neuen Testamentes zu drucken.

Tyndales Feinde entschieden sich, daß sein Buch diskreditiert werden müsse, egal wie ungerecht und unwahr dies sei. Es existierten damals keine Gesetze gegen Verleumdung, und die Bischöfe hatten freie Hand gegen Tyndale. Cochlaeus schrieb: "Das Neue Testament, das in die Umgangssprache übersetzt wurde, ist in Wahrheit die Nahrung des Todes, der Brennstoff der Sünde, der Schleier der Bosheit, der Vorwand für falsche Freiheit, der Schutz für Ungehorsam, der Verfall der Disziplin, die Verwerfung der Moral, das Ende der Einigkeit, der Tod der Ehrlichkeit, die Quelle der Untugend, die Krankheit der Tugend, die Anstiftung zur Rebellion, die Wurzel des Stolzes, die Nahrung der Verachtung, der Tod des Friedens, die Zerstörung der Barmherzigkeit, der Feind der Einigkeit, der Mord der Wahrheit." Was für eine Verkaufstaktik, um den englischen Leser zu begeistern!

So wie eine Spinne ihr Netz in einem königlichen Palast weben kann, so fanden Tyndales Schriften einen willkommenen Weg in des Königs Haushalt und zu seiner Dienerschaft. Heinrich VIII. "erfreute" sich am Lesen einiger von Tyndales Werken, da er der Meinung war, daß Päpste und Prälate unter der Autorität des Königs standen, und er war der Ansicht, daß Tyndale dies unterstützte. Aber zwei Jahre später war die Beziehung von Heinrich VIII. und Tyndale beendet. Er bezeichnete Tyndales Arbeit als "lästerlich und verpestet".

Währenddessen war Tyndale ständig in Gefahr, eingesperrt zu werden und auf dem Scheiterhaufen zu landen. Aber sein Herz hielt daran fest, dem König der Könige zu dienen, und er setzte sich selbst die Aufgabe, das Alte Testament vom Hebräischen ins Englische zu übersetzen. Während seiner Universitätszeit hatte er verschiedene Sprachen gelernt, und er hatte wenig Ablenkung von seiner Arbeit. Er lebte in kargen Umständen.

Um ihn herum in den Niederlanden (jetzt Holland, Belgien und Luxemburg) wurden Frauen und Männer ertränkt, geröstet, verbrannt, lebendig begraben, gebrandmarkt und verstümmelt, weil sie es wagten, ihren Glauben in Jesus Christus, anstatt in die von Menschen geschaffenen Traditionen der Kirche zu setzen. Heinrich VIII. dachte, seine Fehde mit Rom würde mehr Glaubwürdigkeit erhalten, wenn Tyndale für ihn arbeiten würde. Tyndale lehnte dieses Angebot dankend ab und sagte, daß es seine Aufgabe sei, die Bibel zu übersetzen; wenn er jedoch jemand anderen finden würde, der eine genauere Übersetzung geben könnte, dann würde er nicht mehr schreiben, sondern nach England zurückkehren.

Aufgrund seiner Vorgehensweise wurden viele Menschen verbrannt, gefoltert und ins Gefängnis geworfen, worunter er sehr litt.

"Zu wenige verbrannt"

Seine Übersetzung der ersten fünf Bücher der Bibel (der Pentateuch) wurde im Januar 1530 fertiggestellt. Im Mai wurde sie zusammen mit Neuen Testamenten verbrannt, und 1531 fanden auch mehrere von Tyndales besten Freunden den Tod auf dem Scheiterhaufen. Der größte Literat in England, Sir Thomas More, schrieb gegen Tyndale, nachdem er eine Sondergenehmigung vom Bischof erhalten hatte, die ketzerischen Bücher zu lesen und zu sammeln, ohne dafür bestraft zu werden.

Verfolgung Thomas More mag seiner Zeit vorausgewesen sein, indem er für eine Regierung, die durch das Volk gewählt wird, und einen utopischen Staat mit Gemeinbesitz eintrat. Doch die Freiheit gab es nur in der Theorie. Für die Reformer gab es keine Freiheit. Sir Thomas More beklagte sich, es wären zu wenige von ihnen verbrannt worden.

1534 vervollständigte Tyndale seine überarbeitete Ausgabe des Neuen Testaments, während er sich bei Thomas Poyntz aufhielt, ein Verwandter von Sir John Walsh. Die Stadtverwaltung von Antwerpen hatte einige Villen englischen Kaufleuten übergeben, um den internationalen Handel zu fördern. Antwerpen war eine freie Stadt. William Tyndale ging es leiblich besser, und er hatte mehr Freunde um sich als in seinem gesamten Christenleben. Doch das hielt nicht an. Henry Phillips, der Sohn von reichen und angesehenen Eltern, hatte um Geld gespielt und verloren und floh mittellos auf das Festland. Er sollte der Judas Tyndales werden.

Ausgerüstet mit Geld und einem Diener, aller Wahrscheinlichkeit nach vom Bischof von London, verführte Phillips Tyndale und die evangelischen Kaufleute mit seiner ungezwungenen Art und seiner Redegewandtheit. Phillips arrangierte einen Hinterhalt für Tyndale in den engen Straßen Antwerpens. Tyndale wurde gefangengenommen und im Vilvorder Schloß inhaftiert, nicht weit von Antwerpen entfernt. Poyntz reiste mehrmals nach England, um die Freilassung seines Freundes zu erreichen, und es gelang ihm auch beinahe, doch Phillips, der seine Beute zu verlieren fürchtete, ließ Poyntz einsperren. Nach ein paar Monaten gelang es Poyntz allerdings zu fliehen - um Tyndale zu befreien.

Ein Aufenthalt im Gefängnis war zu dieser Zeit sehr teuer. Die Gefangenen mußten für den Lohn ihrer Wachen aufkommen. Obwohl Poyntz weder an seine eigene Person noch an seinen Geldquellen sparte, war er nicht erfolgreich. Phillips Sieg war jedoch bitter und wertlos. Im Gegensatz zu Judas erhielt Phillips nie die versprochene Belohnung. Er verbrachte den Rest seines Lebens als Almosenempfänger, enteignet von der Familie, seinen Freunden, der Kirche und den Kollaborateuren.

Tyndale befand sich im Gefängnis, doch seine Bücher brachten Freiheit und Offenheit. Selbst der Vorsteher der Abtei besaß etwa 60 verbotene Bücher, und man brachte ihn aufgrund seiner Indiskretion in den Tower von London. Tyndale wußte, daß sein Tod unausweichlich war, und er war sicher, daß es keinen Zweifel über den Grund seines Todes geben würde. Sein Zeugnis im Gefängnis war so bezwingend, daß sogar seine Wächter und andere Mitglieder des Haushalts bekehrt wurden.

18 Monate war Tyndale im Gefängnis. Im August 1536 wurde der Reformer als Ketzer verurteilt. Wenige Tage später fand das historische Schauspiel statt, daß Tyndale aus der Kirche ausgeschlossen wurde, denn der Staat konnte keinen Priester der Kirche verurteilen. Tyndale wurde dem weltlichen Gericht ausgeliefert. Die Kirche hatte ihn verurteilt, überließ es jedoch weltlichen Beamten, sich ihre Hände an seiner Ermordung zu beschmutzen. Unerklärlicherweise blieb er ein Gefangener im Vilvorder Schloß für weitere zwei Monate. Am Freitag, dem 6. Oktober 1536, am Tag seines Märtyrertums, wurde er zu einem Kreuz geführt, von dem eine Kette mit einer Hanfschlinge herunterhing. Er wurde senkrecht ans Kreuz gekettet. Sein letzter Schrei war: "Herr, öffne dem König von England die Augen."

Der Strick spannte sich. Tyndale war tot. Man warf schließlich seinen Körper ins Feuer, um ihn zu verbrennen. Er war etwa 44 Jahre alt. Dies geschah auf den Monat genau zehn Jahre, nachdem erstmals sein Neues Testament in Tunstalls Feuer verbrannt worden war.

von Sylvia Clifford

Bibliographie

  • Brian H. Edwards, God's Outlaw, Evangelical Press (1976).
  • J.E. Merle d'Aubigne, The Reformation in England, Volumes One and Two, Banner  of Truth (1962 –Vol.1, 1963 – Vol.2).
  • G.A. Neilson, Twelve Reformation Heroes, Pickering & Inglis Ltd.(1960).
  • John Foxe, Foxe's Book of Martyrs, Whitaker House (1981).
  • Laura H. Wild, The Romance of the English Bible, Doubleday, Paran & Company  Inc. (1929).

Quelle: Creation Ex-Nihilo, Volume 9, No.1