Näher, mein Gott, zu dir

Aus „Leite, freundlich Licht...“ (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „This England“)

Kurz vor Mitternacht des 14. April 1912 rammte der riesige Meereskreuzer Titanic auf seiner Jungfernfahrt von Southampton nach Amerika im eiskalten Nordatlantik einen Eisberg. Das bedeutete den sicheren Untergang des Schiffes, von dem man gesagt hatte, es sei „nicht versenkbar“, und das Verderben für etwa 1500 Menschen. Diejenigen, die das Glück gehabt hatten, Platz in einem Rettungsboot zu finden, mußten hilflos das langsame Untergehen des Schiffes mitansehen. Von den noch beleuchteten Fenstern hallten Musik und Gesang über das eisige Wasser.

Als Pastor John Harper, der wegen mangelnder Rettungsboote freiwillig auf dem Schiff blieb, sich der Hoffnungslosigkeit ihrer Situation bewußt wurde, bat er das Schiffsorchester, eine letzte, den Geist erhebende Hymne zu spielen, während sie auf das Ende warteten. Es war die Hymne „Näher, mein Gott, zu Dir“.

Autorin der Hymne war Sarah Flower Adams. Sie wurde am 22. Februar 1805 in Harlow in Essex geboren. Sarah und ihre ältere Schwester Eliza wuchsen in einem streng religiösen Umfeld auf. Als ihre Mutter bei einer Geburt im Alter von 40 Jahren starb, war es dem Vater überlassen, die Mädchen in seiner eigenen und eher exzentrischen Art zu erziehen. So unterrichtete er sie selbst und nahm sie in einem altmodischen kleinen Pferdewagen mit auf Reisen durch das Land.

In ihrer religiösen Ausbildung wurden Sarah und Eliza gelehrt, nichts zu akzeptieren, sondern alles zu hinterfragen. Während das zweifellos ihren Verstand weitete, bereitete es Sarah im Erwachsenenalter Probleme. Ohne klare Anleitung, was sie glauben sollte, wurde sie in ihren Zwanzigern von Zweifeln bedrückt. Sie schrieb einen Brief an einen Freund ihres Vaters „... Ich würde alles darum geben, um eine aufrichtige Gläubige zu sein und wie vormals zu meiner Bibel zu gehen, aber ich kann es nicht.“

Wie ihr Vater schrieb Sarah Artikel, Essays und Geschichten für den Monthly Repository. Ein Hinweis, daß ihr Bemühen, ihren Glauben aufzubauen erfolgreich gewesen war, konnte in ihrer Beschreibung eines Gemäldes gefunden werden „...wir müssen unseren Gott suchen und finden. Er ist ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott in der Ferne.“

Nachdem sie William Adams, der auch ein Schreiber für die Repository war, geheiratet hatte, begab sich Sarah für kurze Zeit in die Welt des Theaters, was allerdings infolge ihrer fortwährenden gesundheitlichen Probleme nicht lange anhielt. Sie hielt auch öffentliche Lesungen ihrer eigenen Werke wie zum Beispiel ihres dramatischen Gedichtes „Vivia Perpetua“, worin die Anfechtungen und Leiden der frühen christlichen Märtyrer beschrieben sind. Während ihrer Lesung weinte sie laut. „Näher, mein Gott, zu Dir“ war eine der 13 Hymnen, die Sarah für ihre geliebte Schwester Eliza und deren Hymnensammlung für das South Place Chapel schrieb.

Sarah Adams starb 1848 an Schwindsucht, bevor „Näher, mein Gott, zu Dir“ seine landesweite Anerkennung fand und sogar zu einer Lieblingshymne von Königin Victoria, des amerikanischen Präsidenten McKinley und von König Edward VII. wurde – sie wurde zu seinem Begräbnis gespielt.

Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!
Drückt mich auch Kummer hier, drohet man mir,
soll doch trotz Kreuz und Pein dies meine Losung sein:
Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir.

Bricht mir, wie Jakob dort, Nacht auch herein,
find ich zum Ruheort nur einen Stein;
ist selbst im Traume hier mein Sehnen für und für:
Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!

Geht auch die schmale Bahn aufwärts gar steil,
führt sie doch himmelan zu meinem Heil.
Engel, so licht und schön, winken aus selgen Höhn:
Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir.

Ist dann die Nacht vorbei, leuchtet die Sonn,
weih ich mich dir aufs neu vor deinem Thron;
baue mein Bethel dir und jauchz mit Freuden hier:
Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!

Ist mir auch ganz verhüllt dein Weg allhier,
wird nur mein Wunsch erfüllt: Näher zu dir!
Schließt dann mein Pilgerlauf, schwing ich mich freudig auf:
Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!