Isaac Watts, "Vater der englischen Hymnen"

Aus „Leite, freundlich Licht...“ (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „This England“)

Über fast 200 Jahre nach der Reformation sang das protestantische England während der Gottesdienste ausschließlich Psalmen und andere Auszüge aus der Schrift zu lediglich drei oder vier verschiedenen Melodien. Die Freude und Begeisterung der „wiedergeborenen“ Geistigkeit, die das Land nach der Reformation mitgerissen hatte, war langsam am Abklingen. Das stand im Gegensatz zu Deutschland, wo Martin Luthers Liebe zur Musik eine blühende Tradition des Hymnensingens begründet hatte, die sich den verschiedensten Gelegenheiten anpaßte. Aber im puritanischen England wurde jede Abweichung vom genauen biblischen Text mit Argwohn betrachtet. Als John Bunyan (1628 – 1688), dessen ‚Pilgerreise’ weltweiten Beifall erhalten hatte, abwechslungsreicheres Singen in Gottesdiensten befürwortete, wußte er, daß sein Vorschlag nicht ohne weiteres angenommen werden würde. Deshalb schlug er vor, daß die, die etwas gegen diese Art des Gesangs einzuwenden hatten, hinausgehen und in der Vorhalle warten sollten, bis es vorbei sei!

Es war in dieser Atmosphäre des kleinlichen und rigiden Festhaltens an der Tradition, in der ein junger Mann aus Hampshire Isaac Watts aufwuchs.

Der vielleicht erste Versuch eines Hymnenbuches in englischer Sprache wurde von Rev. William Burton unternommen, einem andersdenkenden Geistlichen aus Leicester. Während Watts seine Familie besuchte, hörte er ein Lied aus diesem Buch. Er befand es als so schlecht geschrieben, daß er sich bei seinem Pastor beschwerte. So wurde er herausgefordert, selbst etwas Besseres anzufertigen. So schrieb er 1694 seine erste Hymne mit dem Titel „Behold the Glories of the Lamb“. 1707 veröffentlichte Watts „Hymns and Spiritual Songs“, welches 210 seiner eigenen Verse enthielt, die in Kirchen gesungen werden konnten. Zwei Jahre später war das Buch unter den Massen so populär, daß es noch einmal aufgelegt werden mußte, und die neue Ausgabe enthielt weitere 145 seiner Hymnen.

Zwei junge Männer in England erkannten sofort den Wert der direkten Verse, die Watts schrieb. Es waren der in Gloucester geborene George Whitefield und John Wesley. Viele einfache Leute wendeten sich der neuen Form der „freien” Andacht zu, wie sie von Whitefield und Wesley vorgeführt wurde. So wurde die Liebe zu Gott durch mitreißende Hymnen, Händeklatschen und „Hallelujah“-Rufe emporgesungen. Viele Hymnen, die gesungen wurden, waren von Watts gedichtet. Insgesamt schrieb er beinahe 700 Hymnen, darunter „O God, Our Help in Ages Past“ und „When I Survey the Wondrous Cross”, die von Matthew Arnold später zur besten Hymne in der englischen Sprache erklärt wurde.

Obwohl er Akademiker und Doktor der Theologie war, bevorzugte Watts eine einfache Weise beim Lehren der Religion. Deshalb machte er sich daran, Kinder auf eine zu seiner Zeit ganz neue Art und Weise auf den Weg der Wahrheit und des Pflichtbewußtseins zu leiten. Er zielte darauf ab, ihr Interesse zu gewinne n, anstatt sie mit tiefgründiger Theologie zu langweilen, die ihr junger Verstand unmöglich aufnehmen konnte. So veröffentlichte er 1715 ein Buch, welches ohne weiteres der weltweit bekannteste religiöse Klassiker für Kinder wurde, „Divine Songs“. Letztendlich wurde dieses Buch zur Basis für Sonntagsschulstunden in der ganzen Welt.