Hymnentrends – ein schweres Kreuz

Für die verschwindend geringe Minderheit der Kanadier, die noch zur Kirche gehen, gibt es keine bedrohlichere Nachricht, als die muntere Ansage des Pfarrers: „Nächste Woche bekommen wir unsere neuen Gesangbücher.“ Die Herzen aller – außer die der Unmusikalischen – werden schwer wie Blei; eine düstere Vorahnung erfüllt die Brust, und auf dem Nachhauseweg fragen sich die Gemeindemitglieder zum tausendsten Mal: „Wie lange halten wir das noch aus?“ Werden diese Hymnen, die uns ein inklusiver, überempfindlicher, ökumenischer Kirchenausschuß derzeit aufdrängt, der letzte Tropfen sein, der das Faß zum Überlaufen bringt?

Vor gar nicht allzu langer Zeit ersetzte meine Kirche ihre noch brauchbaren, roten Gesangbücher (eine gemeinschaftliche Bemühung der anglikanischen und Vereinigten Kirche mit dem einfallsreichen Titel Das Gesangbuch) mit dem unhandlichen, neuen, rein anglikanischen, blauen Gesangbuch Gemeinsamer Lobpreis.

Die Herkunft des Gemeinsamen Lobpreises erweckt kein Vertrauen. Es ist das Produkt einer sogenannten „Gesangbuch-Sondereinheit“ – ein alter militärischer Ausdruck, der heute eigens für jede Gelegenheit gewählt wird, bei der zwei oder drei Wichtigtuer zusammenkommen, um irgendetwas für alle anderen zu entscheiden.

In Anbetracht der Tatsache, daß diese spezielle „Sondereinheit“ die Aufnahme der Hymne Vorwärts, ihr Soldaten des Herrn ins Gesangbuch verhinderte, und erst nach einer konfessionellen Großrevolte der Aufnahme beipflichtete, wundert man sich, wie mühelos der Begriff „Sondereinheit“ sich auf solch friedliebenden Schultern niederließ? Vorwärts, ihr sensiblen, betroffenen Menschen unbestimmten Geschlechts wäre mehr nach ihrem Geschmack gewesen. 

Das Vorwort zu Gemeinsamer Lobpreis zeigt, wo es lang geht: „Das vorliegende Buch erscheint infolge einer Zeit intensiver Veränderungen: neue Bibelübersetzungen; neue Anbetungsformen; neue Lektionarien; neue Sprach- und Musikstile im Gottesdienst; Verlagerungen in der Empfindsamkeit gegenüber der Art und Weise, in der Sprache aus- oder eingrenzen kann; ein wachsendes Bewußtsein gegenüber, sowie Kontakt zu anderen Kulturen, Rassen, Sprachen und Konfessionen ... einige ältere Texte wurden geändert, so daß sie gegenwärtig und in den kommenden Jahren weiterhin gesungen werden können.“

Geändert – das wurden sie in der Tat. Selbst an Martin Luthers großer Reformationshymne Ein’ feste Burg ist unser Gott haben sie herumgepfuscht. Gott ist nicht länger eine „feste“ Burg, sondern lediglich eine „Burg“; Er ist kein „Bollwerk, das nie nachgibt“, sondern vielmehr „unsere Hilfe in Not“. Der Teufel ist nicht länger „mit mörderischem Haß bewaffnet“, sondern eher – wie ein schelmischer Onkel – „Unser alter arglistiger Feind ... der uns Leid antut“.

Luthers Hymne schließt mit den herausfordernden Worten: „Den Leib mögen sie wohl töten, Gottes Wahrheit bleibt doch bestehen; Sein Reich ist ewig.“ Unser anglikanischer Ausschuß übersetzt dies mit: „Durch Glauben lassen wir sie gehen, so erringen sie keinen Sieg; alles ist unser mit Jesu Königreich“. Was Luther meinte, verstehe ich, aber kann mir bitte jemannd erklären, was der Ausschuß hiermit sagen will?

Wir haben jetzt Hymnen in Französisch, in Cree, Mohawk, Nisga'a, Ojibwe, Inuit und Suaheli, plus zahlreiche „... neue Musikstile mit den verschiedensten, volkstümlichen Redewendungen“. Verschwunden sind jedoch zwei meiner Lieblingshymnen: Come Let Us Sing of a Wonderful Love und Dear Lord and Father of Mankind. Kein Preis wird verliehen für das Erraten, warum letztere weggelassen wurde, noch warum die Sonne, die uns ruhen läßt (in Ellertons The Day Thou Gavest) nicht länger unsere „Brüder unter dem westlichen Himmel“ weckt. Der gesamte Aufwand läßt sich wohl am besten als ein „Mary Poppins-Erzeugnis aus dem feministischen Lager“ zusammenfassen.

Das Schlimmste – da allgegenwärtig – ist das Herumbasteln, das ständige Herumbasteln an der Sprache ehrwürdiger Hymnen, so das Ersetzen von „thou“ mit „you“ (eine schmierige Kumpelhaftigkeit mit dem Allmächtigen ist heute unerläßlich); eine Verdummung der Sprache, die auf der Annahme beruht, wir seien die einzigen innerhalb des 2.000jährigen Christentums, die nichts begreifen können, was komplexer als eine Rede Jean Chrétiens ist. Und – zuerst, zuletzt und zuvorderst, wird das männliche Pronomen ausgestanzt, wo immer es seinen häßlichen Kopf erhebt.

Obwohl sie viele Hymnen praktisch umgeschrieben haben, besitzen die Herausgeber dennoch die Frechheit, das Ergebnis den ursprünglichen Autoren zuzuschreiben. Die meisten wurden inzwischen zur letzten Ruhe gebettet, doch ist mir unklar, warum ihr Frieden von solchen Philistern verhöhnt werden muß.

In allem gibt es kleine Segnungen zu entdecken, und ich gestehe, es freute mich zu sehen, daß der Gott des Betons, Gott des Stahls den Übergang vom roten zum blauen Gesangbuch nicht geschafft hat. Und, wenn es irgendein Trost ist: Das Gesangbuch Gemeinsamer Lobpreis ist besser als der neueste Kraftakt der Kirche Englands: Hymnen für die Kirche von heute, den Reverend Peter Mullen in „The Oldie“ als „... ein Katalog von unglücklichen Ausdrücken und Schändungen“ beschreibt. Eine der neuen englischen Hymnen bittet Jesus, mit mir „in meiner Depression“ zu sein; wenn die Überarbeitung der Hymnen nicht aufhört, könnte dieses spezielle Liedchen schon bald die Sonntags-Charts anführen.

Ich unterstütze Reverend Mullens Antrag für den Titel des nächsten anglikanischen Gesangbuchs: Who Would True Valium See.

IAN HUNTER
Globe and Mail
18. Februar 2002