Die erste Mahlzeit des Tages

Es gefiel dem HERRN, mich eine Wahrheit zu lehren, mit der ich eigentlich gar nichts zu tun hatte. Obwohl inzwischen mehr als 14 Jahre vergangen sind, seit ich dies damals schrieb, habe ich doch keine der Segnungen aus dieser Lektion verloren.

Der HERR lehrte mich, daß die erste Sache, der ich mich jeden Tag widmen sollte, die ist, daß mein Geist im HERRN fröhlich ist. Meine erste Sorge sollte nicht sein, darüber nachzudenken, wie ich dem HERRN dienen und Ihn verherrlichen kann, sondern vielmehr, wie ich meinen Geist in einen glücklichen Zustand versetzen und meine Seele ernähren kann. Der Versuch, mit Ungläubigen ehrlich zu sprechen oder Christus zu dienen oder Notleidenden zu helfen oder sich in irgendeiner anderen Weise als Kind Gottes zu geben, kann in einem falschen geistigen Zustand geschehen, wenn ich nicht zuerst fröhlich im HERRN bin - von Tag zu Tag in meiner Seele gespeist und gestärkt.

Mindestens zehn Jahre, bevor ich das verstanden hatte, war es meine Gewohnheit gewesen, mich dem Gebet hinzugeben, sobald ich am Morgen angekleidet war. Später erkannte ich jedoch, daß das wichtigste, was ich tun mußte, war, das Wort Gottes zu lesen und darüber nachzudenken. Auf diese Weise konnte mein Herz getröstet, aufgebaut, gewarnt, ermahnt und unterwiesen werden. Und diese Zeit der Andacht mit dem Wort Gottes war die Tür, durch die ich die ergiebige Gemeinschaft mit dem HERRN betrat.

Nicht mehr als ein Bissen auf einmal

Am Anfang des Neuen Testaments beginnend, fing ich am frühen Morgen mit der Andacht an. Nachdem ich um den Segen des HERRN für Sein kostbares Wort gebeten hatte, begann ich über das, was ich las, nachzusinnen, und versuchte, aus jedem Vers Segen zu bekommen; und zwar nicht in der Absicht, jemand anderen zu lehren oder eine neue Botschaft predigen zu können, sondern um Speise für meinen eigenen Geist zu erhalten. Das Ergebnis davon war immer, daß ich nach nur wenigen Minuten dazu gebracht wurde, Gott meine Sünden zu bekennen oder Ihm zu danken oder für die Bedürfnisse anderer zu beten oder für meine eigenen Bedürfnisse zu beten.

Nachdem ich eine Pause gemacht und mein Herz im Gebet ausgeschüttet habe, gehe ich weiter zum nächsten Text oder Vers, wobei ich das alles in Gebet für mich oder andere umwandle - wie immer das Wort mich leiten mag -, aber immer noch fortwährend im Sinn behalte, daß der erste Zweck meiner Andacht ist, Nahrung für meine eigene Seele zu bekommen. Das Ergebnis davon ist, daß diese Andacht immer mit einer guten Menge an Bekenntnissen, Danksagungen, Bitten/Gebeten oder Fürsprachen für andere vermischt ist und daß meine Seele fast immer auf bemerkenswerte Weise gespeist und gestärkt wird und daß ich mich bis zur Frühstückszeit, mit seltenen Ausnahmen, in einem friedlichen, wenn nicht sogar glücklichen Herzenszustand befinde.

Was mir der HERR früher oder später am Tag zeigt, ist, daß die besonderen Dinge, die Er mir am Morgen schenkt, zu Nahrung für andere Gläubige werden, obwohl ich nicht um ihretwillen meine Zeit vor dem HERRN verbracht habe, sondern, um meine Seele zu stärken.

Das Wort verdauen

Ich nehme gern meine Bibel mit und verbringe die Andacht draußen, nehme mir ein oder zwei Stunden Zeit vor dem Frühstück und spaziere über die Felder oder setze mich auf die Treppe, wenn es für mich zu anstrengend ist, die ganze Zeit zu gehen. Es ist eine gute Übung. Zuerst hatte ich die Zeit, die ich mit Spazierengehen verbrachte, als Verlust angesehen, aber jetzt finde ich es sehr vorteilhaft, nicht nur für meinen Körper, sondern auch für meinen Geist. Ein Spaziergang draußen vor dem Frühstück muß natürlich nicht notwendigerweise mit dem Morgengottesdienst verbunden werden, und jeder sollte das tun, was für ihn am besten ist.

Der wirkliche Unterschied zwischen meiner früheren Praktik und der jetzigen ist der: Ich betete für gewöhnlich so früh wie möglich und verbrachte fast meine ganze Zeit bis zum Frühstück im Gebet. Ich begann normalerweise mit Gebet, außer wenn ich fühlte, daß mein Geist stärker blockiert war als sonst; in diesem Falle las ich das Wort Gottes. Aber was war das Resultat? Ich verbrachte oftmals eine Viertelstunde bis eine Stunde auf meinen Knien, bevor ich mir bewußt war, daß ich Trost, Auferbauung, eine demütige Seele etc. empfing, und oft mußte ich die ersten zehn bis dreißig Minuten lang mit meinen umherschweifenden Gedanken kämpfen, bevor ich im Gebet durchdringen konnte.

Dies geschieht nun selten. Da ich durch die Wahrheit gespeist worden und in die süße Gemeinschaft mit Gott gekommen bin, spreche ich zu meinem Vater und Freund (obwohl ich schlecht und dessen nicht würdig bin) über die Dinge, die Er in Seinem kostbaren Wort vor mich bringt. Es wundert mich, daß ich diesen Punkt nicht schon früher entdeckt habe. Kein anderer im Dienste Gottes hatte jemals mit mir darüber gesprochen. Keine private Unterredung mit einem Bruder hatte ihn aufgedeckt. Und nun, seit Gott mir diesen Punkt gezeigt hat, ist es mir auf einmal so klar wie nie zuvor, daß das erste, was ein Kind Gottes jeden Tag tun muß, ist, Nahrung für seine Seele zu bekommen.

Unser tägliches Brot

Genau wie der körperliche Mensch nicht ohne Nahrung arbeiten kann - und Nahrung ist eines der ersten Dinge, die er braucht - , so ist es auch mit der Seele des Menschen. Nun - was ist Nahrung für die Seele? Nicht Gebet, sondern das Wort Gottes. Und das bedeutet nicht einfach nur das simple Lesen der Schrift - das ist so, wie wenn Wasser durch ein Rohr läuft. Wir müssen das, was wir lesen, sorgfältig betrachten, uns darüber Gedanken machen und es in unsere Herzen aufnehmen.

Ganz gleich, wie lange man betet - es erfordert einen gewissen Grad an Stärke und göttlichem Verlangen und eine Zeit, die man sich freihält. Die beste Zeit zum Beten ist, nachdem die Seele durch das Nachsinnen über das Wort Gottes gespeist wurde. Unser Vater hat zu uns gesprochen, uns ermutigt, getröstet, gelehrt, gedemütigt und ermahnt. Selbst wenn wir geistlich schwach sind, können wir über das Wort meditieren. Eigentlich brauchen wir die Meditation, um unsere Seele zu stärken, um so mehr, je schwächer wir sind.

Es ist viel einfacher, sich auf das Gebet zu konzentrieren, ohne daß die Gedanken abschweifen, wenn man zuerst in der Schrift gelesen hat. Ich lege deshalb ein solches Gewicht auf diesen Punkt, weil ich daraus für mich selbst so einen großen geistlichen Profit und so eine geistliche Erfrischung gewonnen habe, und ich möchte meine Glaubensgenossen auf das Innigste und mit allem Ernst dazu bewegen, dies in Erwägung zu ziehen. Ich glaube, daß Gott diese Zeiten gesegnet hat, die mir die Stärke und den Frieden schenkten, um die größten Prüfungen, wie ich sie nie zuvor gekannt hatte, zu bestehen. Da ich diese Methode seit 14 Jahren praktiziere, kann ich sie voll und ganz und mit Gottesfurcht empfehlen.

Was für einen überwältigenden Unterschied macht es aus, wenn man jeden Tag mit einem glücklichen und im HERRN erfrischten Geist beginnt, anstatt Ihm ohne geistige Vorbereitung zu begegnen. Ob man bereit ist oder nicht - die Nöte, die Prüfungen und die Versuchungen werden kommen!

Georg Müller

Editiert und bearbeitet von Matt Schoenfeleder und Martin Bennett

GEORG MÜLLER (1805-1898) ist wahrscheinlich am besten unter der Bezeichnung "Vater der Waisenkinder" bekannt. Die Sorge um die Bedürfnisse von Tausenden von Kindern lehrte Herrn Müller, auf Gott und nur auf Ihn allein als seinen Versorger zu schauen. Als er im Jahre 1834 das Institut für Bibelkenntnis gründete, hatte er es sich zum Ziel gesetzt, Tages- und Sonntagsschulen zu helfen, Bibeln und Traktate zu verteilen und sich um Waisenkinder zu kümmern. Er konnte sich kaum vorstellen, daß diese Organisation einmal der führende Verteiler von Bibeln und christlicher Literatur und die größte Unterstützung von Missionaren jener Tage werden sollte.

Georg Müller brachte durch Gebet über siebeneinhalb Millionen Dollar herein und trug in sein Tagebuch 50.000 spezielle Gebetserhörungen ein - davon waren 5.000 bereits am selben Tag wie die Bitte erhört worden. Er ging siebzehnmal auf Evangelisationsreise, wo er zu mehr als drei Millionen Menschen sprach. Georg Müller führte ein Leben des Glaubens, das immer wieder seine Aussage bewies, daß "wahres Vertrauen auf Gott über allen Umständen und Äußerlichkeiten steht."

Quelle: "The Last Days" Magazine