Die Braut Jesu

"Die erwählt sind nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, in der Heiligung durch den Geist, zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi" (1. PETRUS 1:2).

Ein sonnenverbrannter, wohlbetagter Reisender sah mit einem Gemisch des Erstaunens und der Zufriedenheit zu, wie sein Gastgeber die Kamele entsattelte und ihnen Stroh und Futter verabreichte. Die Hälfte der in seiner Reise liegenden verantwortungsvollen Aufgabe war erfüllt. Unter der Leitung der Vorsehung, die sich so außergewöhnlich gestaltet hatte, daß seine Lippen von spontaner Anbetung des Allmächtigen überquollen, war er gerade zu der Familie geführt worden, in welcher er eine passende Frau für den einzigen Sohn seines Herrn zu finden hoffte. Es war sogar gerade die Jungfrau selbst gewesen, die er zuerst angetroffen hatte, und ihre Schönheit war ihm sofort aufgefallen. Auch ihr Bruder zeigte sich über Erwarten freundlich. Alles entwickelte sich so wunderbar und vortrefflich.

Elieser wirbt um Rebekka. So erfüllt mit Eifer, seinen Auftrag auszuführen, war dieser Knecht, daß er sich nicht einmal zu dem für ihn zubereiteten gastfreundschaftlichen Mahl niedersetzen konnte, ehe er sein Herz von dem wichtigen Geschäft seiner Reise entlastet hatte! Alles gestaltete sich immer besser. Jede Einzelheit der Geschichte, die er erzählte, machte einen solchen Eindruck auf Laban und Bethuel, daß ihre Zustimmung zur Verlobung Rebekkas mit Isaak sogleich erlangt war. Seltene und kostbare Geschenke besiegelten den Vertrag, während sie unter dem syrischen Sternenhimmel zusammen das Fest feierten.

Am nächsten Morgen wollte Elieser früh zur Heimreise aufbrechen, jedoch die Angehörigen des Mädchens baten ihn um etwas Verzögerung. Mindestens zehn Tage wurden vorgeschlagen. Die Entscheidung wurde schließlich Rebekka überlassen. Ihre Antwort auf die Frage, ob sie mit diesem Manne ziehen wolle, war schön und bestimmt in ihrer Einfachheit: "Ich will mit ihm ziehen!" (1. MOSE 24:58).

Der Heilige Geist wirbt um die Brautgemeinde. Diese alte Geschichte aus fernem Land, erzählt im 24. Kapitel des ersten Buches Mose, liefert ein reichhaltiges Gleichnis von einem Anderen, der gleichfalls eine Braut sucht, zubereitet und dem Einziggeborenen des Vaters zuführt. Denn Elieser tat in jener Geschichte genau das, was der Heilige Geist in geistlicher Weise die vielen Jahrhunderte hindurch getan hat. Und da die Gemeinde ganz klar die "Braut Christi" genannt wird, ist unsere bildliche Anwendung jenes genannten Stückes der Geschichte sowohl zutreffend als auch gerechtfertigt.

Paulus gebrauchte diesen gewagten Vergleich der geheiligtsten und intimsten menschlichen Beziehung, als er den Christen die Notwendigkeit der Absonderung von der Sünde, die in der Welt ist, zeigte. Obgleich die eigentliche Hochzeit Christi und seiner Gemeinde noch nicht eine vollendete Tatsache ist, sind die Gläubigen schon "verlobt".

"Ich eifere um euch", schrieb er, "mit göttlichem Eifer, denn ich habe euch einem Manne verlobt, euch als eine reine Jungfrau Christo zuzuführen" (2. KORINTHER 11:2).

Die Gelübde sind schon gemacht worden, und wenn es gemäß der göttlichen Ordnung zugegangen ist, sind sie in der Handlung der Taufe versiegelt und in der Folgezeit oftmals bestätigt worden durch die Teilnahme am geheiligten Kelch des Herrn. Der Apostel sah Rückfälligkeit als nichts Geringeres als den Bruch eines heiligen Verlöbnisses an. Sie riefen in seiner Seele eine feurige Erregung hervor, die wie Eifersucht brannte. Wie Rebekka damals, hat der Christ zu allen um ihn her gesagt: "Ich will gehen!" Die Entscheidung sollte unwiderruflich sein. Wir sind geistlicherweise mit Christus verlobt. Er hat uns auserwählt. Wir sind "erwählt ... nach der Vorsehung Gottes, des Vaters."

Heiligung des Geistes. Der vielen Versuchungen von innen und außen vollauf bewußt, lau und träge in unserer Liebe zu werden und auf dem Weg, welcher die Begegnung mit dem Bräutigam zum Ziel hat, nachzulassen, hat der Herr für uns einen himmlischen "Haushalter" vorgesehen, der in seinen sorgfältigen Hilfeleistungen noch treuer ist, als es Elieser gegenüber der Rebekka auf ihrer langen Reise durch die Wüste war. Theologisch nennen wir diese Hilfeleistung die "Heiligung des Geistes". Praktisch besteht sie aus all den verschiedenen Wegen, durch welche der Geist Gottes den Christen fortwährend von allem, das sündig ist, losreißt und ihn zu einer völligen Hingabe des ganzen Herzens an Christus und seinen Dienst antreibt.

Durch die Kraft des neuen Lebens. Zuerst tat der Heilige Geist dies durch die Kraft des neuen Lebens, das Er uns in Christus darreichte, als wir durch den Glauben an seinen Namen von neuem geboren wurden. Der Geist ist der Vermittler jenes Lebens und stets darum bemüht, daß es kräftig und ungehindert fließen kann. Der zur Frühlingszeit aufsteigende Saft bringt die toten Blätter des alten Jahres zum Abfallen. Auf ähnliche Weise nimmt die freudige Befriedigung und Betätigung des neuen Lebens in Christo der Versuchung einen guten Teil ihrer Verlockungskraft und macht, daß die alten, sündigen Gewohnheiten von uns abfallen und wir kaum merken, wie dies geschieht. Aber kommt es schließlich wieder dahin, daß uns das Neue zum Alltäglichen wird und wir es versäumen, uns dieser heiligenden Kraft des Lebens des Geistes zu erfreuen? Kehren gar alte Versuchungen mit größerem Reiz als früher wieder zurück? Die Antwort muß sein, daß wir die Fülle des Heiligen Geistes in unserem Leben benötigen. Nichts anderes, als erfüllt zu sein mit dem Geist, kann uns Überwinderkraft verleihen. RÖMER 8 gibt uns dafür eine beredte Lehre. Es ist durch den "Geist", daß wir die Werke des Fleisches töten. Wir müssen vom Geist in Besitz genommen sein, ganz für Jesus.

Durch das Wort Gottes. Der Heilige Geist heiligt uns durch die persönliche Anwendung des Wortes Gottes. Betendes Lesen der Bibel läßt sie uns zum Licht werden, das die eigentlichen Beweggründe unserer Handlungen, ja die Quellen der Gedanken und Worte durchleuchtet. Die Heilige Schrift ist von ihm inspiriert worden, und er ist es, der sie wiederum lebendig macht, wenn sie gelesen und ausgelegt wird. Es ist eitle Anmaßung, wenn wir allerlei äußere Offenbarung oder innere "Stimmen" und Einflüsterungen suchen, um uns über Gottes Willen zu erleuchten, während wir absichtlich das Buch, das Er uns gegeben hat, unbeachtet lassen und vernachlässigen.

Durch die Liebe. Am allerzartesten heiligt uns der Geist durch die Liebe, und hier kehren wir zum Gedanken unseres "Verlöbnisses" zurück. Es ist das besondere Werk des Geistes, von den Schätzen Christi zu nehmen, sie unseren Seelen zu zeigen und sie dadurch zu befähigen, ihn mehr zu lieben. Jene Reichtümer Christi sind unerforschlich, doch können sie durch den geoffenbart werden, der sie kennt. Und es ist der Geist, der alle Dinge, selbst die Tiefen der Gottheit erforscht. Sogar mit noch größerer Gewißheit als Elieser den ganzen Weg entlang zu Rebekka von Isaak redete, will der Heilige Geist zum Christen von Christus reden. "Welchen ihr nicht gesehen und doch lieb habt" (1. PETRUS 1:8). Und eine solche Liebe ist die zarteste und doch auf kräftigste Weise heiligende, lösende und an Christus bindende Macht, die man sich vorstellen kann. Liebe zu Christus wird zur Heiligkeit des Lebens treiben, wenn alle geringeren Triebkräfte versagen. Liebe zu Christus wird zu einer völligeren und gänzlicheren Hingabe an ihn inspirieren, als irgendein Blick in menschliche Not oder eine andere sich bietende Gelegenheit es vermögen. Die Liebe ist mächtiger als alles.

 "Der Gerechten Pfad glänzt wie
das Licht am Morgen, das immer heller leuchtet
bis zum vollen Tag."

(SPRÜCHE 4:18).

Jesus Christus – das Ziel. Es liegt in der Natur der Sache, daß der Heilige Geist im Hintergrund zu bleiben wünscht, da es ja sein großes Amt ist, von Christus zu reden. Gerade unsere Verlobung mit Christus erfordert, daß Jesus die ganze Liebe unseres Herzens erhält. So ist es unumgänglich und auch nur richtig: Der Mittelpunkt des Evangeliums, der Brennpunkt des Wortes, das Wesen der Gemeinschaft wird immer in der Person des Herrn Christus liegen. Eine ungebührende Betonung des Heiligen Geistes mag uns veranlassen, die Vision von Christus selbst zu verfehlen, und wir können dies bei aller Ehrfurcht als Verherrlichung des Mittels auf Kosten des Zweckes bezeichnen. Er weist immer auf einen Anderen hin.

Wir sind nie gewisser, daß der Heilige Geist am Werk ist, als wenn wir Gruppen von Gläubigen oder einzelne Christen finden, die Jesus Christus zu ihrem Alles in Allem gemacht haben. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum die Person und das Werk des Heiligen Geistes so wenig verstanden wird. Er hat sich auf so sonderbare Weise im Hintergrund gehalten. "Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam" (1. JOHANNES 3:29). Ja, dies bringt um so mehr zur Anbetung des Geistes. Neue Salbung tut Not. Wenn Zeiten der Erstarrung und Lauheit über die Gemeinde hereinbrechen, wenn ein offenbarer Mangel an heiligem Wandel und kraftvollem Zeugnis vorhanden ist, dann ist es in höchstem Maß an der Zeit, bestimmt darum zu bitten, daß der Heilige Geist wieder rede und wirke unter dem Volk. Erneuter Nachdruck auf die Mittel liegt ganz bestimmt im Willen Gottes, wenn wir das Ziel aus den Augen verlieren. Es tut uns not, um die Salbung des Heiligen Geistes zu bitten. Verglichen mit Isaak war Elieser wie nichts für Rebekka, was die Liebe ihres Herzens und ihr ganzes zukünftiges Schicksal anbetraf; doch wäre es für sie ein trauriger Tag gewesen, wenn sie jenen treuen Führer verloren oder seine täglichen Ratschläge während der langen Wüstenreise verachtet hätte. War nicht sogar ihre Verlobung seinen liebenden und treuen Bemühungen zuzuschreiben? Und deren letzte Verwirklichung benötigte noch seiner fortwährenden Führung und Hilfe.

Donald Gee