Die 12 Stämme Israels

Traditionell wird Israel in 12 Stämme eingeteilt: Ruben, Simeon, (Levi), Juda, Isaschar, Sebulon, Benjamin, Dan, Naphtali, Gad, Asser, Ephraim und Manasse. Die biblische Geschichte lehrt, daß die 12 Stämme Israels von den Söhnen und Enkeln Jakobs abstammen (1. MOSE 29-30; 1. MOSE 35:16-18; 1. MOSE 48:5-6). Infolge der Herkunft von ihrem Stammvater und Vater Jakob-Israel werden alle Stämme zusammen Israel genannt. Jakob kam mit seiner Familie als "siebzig an Zahl" (2. MOSE 1:1-5) nach Ägypten. In Ägypten "wuchsen die Kinder Israel und zeugten Kinder und mehrten sich und wurden überaus stark" (2. MOSE 1:7) und wurden dort zum "Volk Israel" (2. MOSE 1:9). Ein Pharao, "der nichts von Joseph wußte" (2. MOSE 1:8), bedrückte sie mit schwerer Arbeit und Frondienst. Gott "gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob" (2. MOSE 2:24), gab sich Mose zu erkennen (2. MOSE 3) und rettete die Israeliten aus Ägypten. Zu dieser Zeit zählte das Volk "sechshunderttausend Mann zu Fuß ohne die Frauen und Kinder" (2. MOSE 12:37). Am Berg Sinai erhielt das Volk seine Gesetze und Ordnungen, und Gott schloß den Bund mit ihnen (2. MOSE 19-24). Die 12 Stämme Israels nahmen unter Josua als Befehlshaber das Land Kanaan ein, nachdem sie unter Moses Führung 40 Jahre durch die Wüste gewandert waren. Die vereinte Heeresmacht der 12 Stämme reichte aus, um das Land zu erobern, das dann unter sie verteilt wurde. Während dieser Siedlungszeit und in der folgenden Periode der Richter gab es keine vorgegebene Form der Führerschaft unter den Stämmen, mit Ausnahme der Richter, die Gott als Befreier in Zeiten der Not einsetzte (siehe "Das Buch der Richter"). Solche Krisen zwangen die Stämme zum vereinten Kampf gegen die Feinde unter der Führung des "Retters". Silo war das heilige Zentrum für alle Stämme, und dort befand sich auch unter der Obhut der priesterlichen Familie Elis die Bundeslade (1. SAMUEL 1:3; 1. SAMUEL 4:4). Angesichts schweren militärischen Druckes fühlten sich die Israeliten genötigt, Samuel um die Einsetzung eines Königs zu bitten, und so wurde Saul zum König über alle Stämme Israels gekrönt (1. SAMUEL 11:15). Nach seinem Tod wurde Isch-Boscheth, Sauls Sohn, von allen Stämmen als König angenommen. Ausnahme waren die Stämme Juda und Simeon, die David vorzogen. Davids Kampf mit dem Hause Sauls endete mit dem Sieg Davids. Alle Ältesten gingen zu ihm über und erkannten ihn als König an. Von Jerusalem aus regierte er über alle Stämme Israels (2. SAMUEL 5:5). Nachfolger war sein Sohn Salomo. Nach dem Tod Salomos zersplitterten die Stämme wieder politisch und territorial, wobei Juda und Benjamin im Süden dem Hause Davids die Treue hielten, während der Rest der Stämme im Norden von verschiedenen aufeinanderfolgenden Dynastien regiert wurden.

Im allgemeinen wird die biblische Auffassung, daß die 12 Stämme Teile einer einzigen größeren Einheit sind, die auf natürliche Weise aus den väterlichen Wurzeln hervorgegangen sind, von der modernen Lehrmeinung nicht geteilt. Stattdessen geht man davon aus, daß dieses vereinfachte Schema eigentlich aus späteren stammesgeschichtlichen Spekulationen herrühre, die die Geschichte der Stämme auf familiärer Ebene zu erklären versuchen. Die Vereinigung der 12 Stämme, so glaubt man, sei aus einer Organisation von unabhängigen Stämmen oder Gruppen von Stämmen gewachsen, und dieser Zusammenschluß sei aus historischen Gründen nötig gewesen. Die Lehrmeinungen unterscheiden sich darin, wann die Vereinigung der Zwölf stattfand und wann Israel eine Nation wurde. Eine Schulmeinung vertritt die Auffassung, daß der Bund innerhalb des Landes gegen Ende der Zeit der Richter und zu Beginn des Königtums geschlossen worden sei. Den Überlieferungen, die davon ausgehen, daß die 12 Stämme schon seit der Versklavung in Ägypten und den Wanderungen in der Wüste eine Nation waren, wird jede Grundlage abgesprochen. Diese Schule erkennt in den Namen von einigen Stämmen die Namen von alten Plätzen in Kanaan, wie zum Beispiel die Gebirge von Naphthali, Ephraim und Juda oder die Wüsten von Juda und Gilead. Mit der Zeit haben dann diejenigen, die in den Gebieten wohnten, die Namen der Örtlichkeiten angenommen. M. Noth glaubt, daß die Lea-Stämme Ruben, Simeon, Levi, Juda, Sebulon und Isaschar zu einem früheren Zeitpunkt als ein Zusammenschluß von 6 Stämmen existiert haben, deren Grenzen einander in Kanaan berührten. Erst später wären andere Stämme hinzugekommen und hätten den Staatenbund allmählich auf 12 erweitert. Eine zweite Lehrmeinung akzeptiert zwar, daß die Vereinigung der 12 Stämme schon z. Z. der Wanderung durch die Wüste existiert hat, lehnt jedoch ab, daß Kanaan jemals von dem Bund dieser Stämme erobert worden ist. Es habe lediglich zu verschiedenen Zeiten vereinzelte Raubzüge und Einfälle ins Land gegeben. Nichtsdestotrotz geht das Bündnis unter den 12 Stämmen und ihr nationales Bewußtsein, welches aus der völkischen Verwandtschaft und aus Gemeinsamkeiten in Geschichte, Glaube und heiligen Handlungen entspringen, auf eine Zeit zurück, die vor der Eroberung des Landes Kanaan lag.

Die Zahl 12 ist weder erdichtet, noch das Ergebnis der Entwicklung des Stammbaumes in der erzväterlichen Geschichte. Sie ist eine institutionalisierte und gebräuchliche Struktur, die auch bei anderen Stämmen gefunden wird, wie zum Beispiel den Söhnen Ismaels (1. MOSE 25:13-16), den Söhnen Nahors (1. MOSE 22:20-24), denen Joktans (1. MOSE 10:26-30) und denen Esaus (1. MOSE 36:10-13). Ähnliche Formen der Organisation, bei denen Gruppen von 12 oder auch von 6 Stämmen entstehen, sind aus Kleinasien, Griechenland und Italien bekannt. In Griechenland wurden solche Gruppen "Amphiktyonie" ( ) genannt, von abgeleitet, das "um ... herum wohnen" bedeutet und die Versammlung oder das Lagern um ein zentrales Heiligtum herum bedeutet. Nach einer bestimmten Ordnung und Reihenfolge war es jedem Stamm zugewiesen, einen Dienst zur Bereitung und Erhaltung des Heiligtumes zu verrichten. Die amphiktyonischen Mitglieder veranstalteten zu festlichen Gelegenheiten Pilgerreisen zum gemeinsamen religiösen Zentrum. Das genaue Maß der Übereinstimmung zwischen der Amphiktyonie der griechischen Welt und der Zwölferstruktur der Stämme Israels mag Thema von wissenschaftlichen Streitgesprächen sein. Es gibt jedoch kaum Zweifel daran, daß die Zwölferstruktur der hebräischen Stämme tatsächlich bestanden hat. Wenn sich somit ein Stamm aus der Union zurückzog oder in einen anderen absorbiert wurde, blieb die Zahl 12 dadurch erhalten, daß sich einer der verbleibenden Stämme in zwei aufspaltete oder ein neuer Stamm zur Union hinzukam. Wenn zum Beispiel der Stamm Levi zu den 12 Stämmen hinzugerechnet wird, gelten die beiden Joseph-Stämme als ein Stamm. (1. MOSE 35:22-26; 1. MOSE 46:8-25; 1. MOSE 49:1-27). Wenn jedoch Levi nicht erwähnt wird, werden die Joseph-Stämme jeder für sich aufgezählt, so daß Manasse extra genannt wird (4. MOSE 26: 4-51). Ebenso wird, um die Zahl 12 zu berücksichtigen, der Stamm Simeon als eigener Stamm gezählt, auch nachdem er in den Stamm Juda miteinbezogen worden war (JOSUA 19:1), und Manasse zählt man als einen Stamm, auch nachdem er in zwei Teile aufgespalten worden ist. Gad, obwohl Sohn der Silpa, wird unter die 6 Lea-Stämme gerechnet, wenn Levi weggelassen wird (4. MOSE 1:20-42; 4. MOSE 26:5-50).

Das Bündnis der 12 Stämme war in erster Linie religiös begründet, nämlich auf den Glauben an den einen "Gott Israels" , mit dem die Stämme einen Bund hatten und den sie "als des HERRN Volk" (RICHTER 5:11; RICHTER 20:2) an einem gemeinsamen heiligen Ort anbeteten. Die Stiftshütte und die Bundeslade waren die heiligsten Kultgegenstände der Stämmegemeinschaft. Die biblische Überlieferung zeigt, daß in den verschiedenen Zeiten viele Orte als religiöser Mittelpunkt dienten. Während der Wüstenwanderungen war es der "Berg Gottes", der Sinai, bekannt auch als der Horeb, der als solcher Platz diente (2. MOSE 3:1; 2. MOSE 18:5; vergleiche 2. MOSE 5:1-3; 2. MOSE 8:23-24), wie auch die große Oase in Kadesch-Barnea, wo die Stämme eine lange Zeit blieben (5.M 1:46). Von da aus starteten die israelitischen Stämme einen Versuch, das Land zu erobern (4. MOSE 13:3,26). Von vielen Plätzen in Kanaan wird berichtet, daß sie als heilig angesehen wurden und Ziele von Pilgerschaften waren. Da war der Pniel, an dem Jakob, der namentliche Ahnherr der Stämme, den Namen Israel empfing (1. MOSE 32:24-32); Bethel (1. MOSE 28:10-22; 1. MOSE 35:1-15), wo die Lade des Bundes Gottes eine Zeit lang blieb (RICHTER 20:26-28), und Beerseba (1. MOSE 21:33; 1. MOSE 46:1-4; AMOS 5:5; AMOS 8:14). Diese Orte lassen sich bis in die Zeiten der Väter zurückverfolgen. In Sichem errichtete Jakob einen Altar (1. MOSE 33:18-20), und dort versammelten sich auch die Stämme Israels zu Josuas Zeiten, "und als sie vor Gott getreten waren", schlossen Gott und sie einen Bund (JOSUA 24). Silo hatte als Heiligtum eine besondere Bedeutung für die Stämme. Dort versammelte sich die ganze Gemeinde der Kinder Israel unter Josua, um das Land durch das Los zu verteilen. Dort richteten sie die Stiftshütte und die Bundeslade auf (JOSUA 18:1-8). Elis Familie, die vom Hohepriester Aaron abstammt, verrichtete ihren Dienst in Silo (1. SAMUEL 2:27). Nach Silo gingen die Israeliten, um anzubeten und Feste zu feiern (RICHTER 21:19; 1. SAMUEL 1:3; siehe auch JEREMIA 7:14 und JEREMIA 26:9). Die Vielfalt der heiligen Plätze wirft die Frage auf, ob sich tatsächlich alle 12 Stämme an einem einzigen gemeinsamen amphiktyonischen Ort versammelten. Es kann sein, daß sich ein Stamm einem der anderen Anbetungsorte zuwandte, wenn seine Verbindung zur Amphyktonie aus dem einen oder anderen Grund geschwächt war. Möglicherweise dienten verschiedene Orte so den einzelnen Untergruppen der Stämme als Anbetungsorte. Beispielsweise gingen die südlichen Stammesgruppen nach Beerseba und Hebron (1. MOSE 13:18; JOSUA 21: 10-11; 2. SAMUEL 2:1-4; 2. SAMUEL 5:1-3; 2. SAMUEL 15:7-10), die Stämme in der Mitte des Landes nach Sichem, Silo und Gilgal (JOSUA 5:9-10; 1. SAMUEL 11:14-15; 1. SAMUEL 13:4-15; AMOS 5:5) und die nördlichen Stämme zum Heiligtum nach Dan (RICHTER 18:30-31). Die Wahrscheinlichkeit, daß es eine Vielzahl von Anbetungsorten gegeben hat, wird durch die Tatsache gestützt, daß Anhäufungen kanaanitischer Ansiedlungen die südlichen und zentralen Stämme (auf den Bergen von Ephraim) getrennt haben, sowie die zentralen Stämme von denen in Galiläa. Es ist möglich, daß die einzelnen Stämme gleichzeitig viele verschiedene Altäre hatten, während das Heiligtum, an dem sich die Bundeslade Gottes befand, der für alle 12 Stämme gleichermaßen bedeutendste Ort der Anbetung war.

Die Veränderungen, die in der Struktur und in der relativen Stärke der Stämme aufgetreten sind, finden ihren Ausdruck im biblischen Stammbaum. Die Stämme kommen von vier Stammesmüttern, acht Stämme von Lea und Rahel, vier Stämme von den Leibmägden Bilha und Silpa (1. MOSE 29-30). Nach einer weit verbreiteten Ansicht ist die Zuordnung zu den beiden Frauen ein Hinweis auf ein früheres Stadium der Organisation der Stämme . Man sprach von den "Stämmen Leas" und den "Stämmen Rahels". 4 Stämme wurden zu den Leibmägden zugeordnet. Dies mag deren niederen Status oder einen späteren Eintritt in den Staatenbund anzeigen. In der Liste der 12 Stämme steht Ruben, der Erstgeborene als erster (1. MOSE 46:8), gefolgt von Simeon, Levi und Juda, den Söhnen Leas, die eine Vorrangstellung einnehmen. Bevor das Land erobert wurde, war Ruben der Kopf des Stämmebundes gewesen und hatte unter den Brüderstämmen eine Position von zentraler Bedeutung innegehabt (1. MOSE 30:14; 1. MOSE 35:22; 1. MOSE 37:21; 1. MOSE 42:22; 4. MOSE 16:1 ff). Andererseits ist dieser Stamm während der Zeit der Richter inaktiv gewesen. Aus Ruben gingen keine Richter hervor, und während Deboras Krieg gegen Sisera "saß Ruben zwischen den Sattelkörben" und sandte keine Hilfe (RICHTER 5:16). Er wohnte am Rand des Landes (1. CHRONIK 5:9-10), und deswegen waren möglicherweise seine Verbindungen zu den anderen Stämmen geschwächt und seine dauerhafte Existenz als einer der Stämme Israels in Gefahr (vergleiche mit 5. MOSE 33:6). Simeon wurde von Juda absorbiert. Levi verteilte sich infolge seiner priesterlichen Pflichten durch ganz Israel. Juda wurde durch einen kanaanitischen Landstreifen von den restlichen Stämmen getrennt. Dieser verlief zwischen dem Gebirge von Juda und dem von Ephraim. Rubens Platz als Haupt der 12 Stämme wurde durch das Haus Joseph übernommen, welches in der Zeit der Besiedlung und der Richter eine entscheidende und historische Rolle spielte. Josua war aus dem Stamm Ephraim (4. MOSE 13:8). Sichem und Silo lagen innerhalb der Grenzen des Gebietes von Joseph (siehe auch PSALM 78:59,67-68). Samuel kam aus dem Hügelland von Ephraim (1. SAMUEL 1:1). Bei der Schandtat von Gibea (RICHTER 19-21) war es Ephraim, der die Stämme im Krieg gegen Benjamin führte. Zu Beginn der Monarchie ging die Führung auf Juda über (1. MOSE 49:8 ff). Der Abschnitt in 1. CHRONIK 5:1-2 beschreibt sehr deutlich, wie die Führungsposition unter den Stämmen von Ruben über Ephraim auf Juda überging.

Jeder der 12 Stämme verfügt über ein großes Maß an Selbstbestimmung und regelt seine eigenen Angelegenheiten nach stammesväterlichen Weisen. Es gab zweifellos für alle Stämme gemeinsame Verwaltungseinrichtungen, die in der Nähe der Heiligtümer gelegen waren, allerdings ist die Information hierüber sehr spärlich. Während der Wüstenwanderungen lag die Leitung des Volkes bei den Fürsten der einzelnen Stämme und bei den Ältesten, die Mose unterstützten (2. MOSE 19:7; 2. MOSE 24:1,9; 4. MOSE 1-2; 4. MOSE 11:16-24; 4. MOSE 32:2; 4. MOSE 34:16-29; 5. MOSE 27:1; 5. MOSE 31:28). Es kam dann zu Versammlungen der Stammeshäupter und Ältesten, die während der Zeit der Niederlassung und der Richter stattfanden: "die Fürsten der Gemeinde, die Obersten über tausend in Israel", zusammen mit Pinhas, dem Priester, führten im Namen des ganzen Volkes Verhandlungen mit den Stämmen, die jenseits des Jordans geblieben waren (JOSUA 22:30). Josua "berief die Ältesten von Israel, seine Obersten, Richter und Amtleute", um in Sichem einen Bund zu schließen (JOSUA 24). Die Ältesten von Israel, die für das ganze Volk sprachen, baten Samuel, einen König einzusetzen (1. SAMUEL 8:4). Der Vorfall mit der Konkubine in Gibea (RICHTER 19-21) und Sauls Kampf mit Nahasch, dem Ammoniter (1.SAMUEL 11) sind klassische Beispiele für gemeinsame Unternehmen, bei denen sich die 12 verbündeten Stämme versammelten und kämpften "wie ein Mann - von Dan bis nach Beerseba und vom Lande Gilead" (RICHTER 20:1; 1. SAMUEL 11:7). In einem Fall führten die Stämme vereint Krieg gegen eines ihrer Mitglieder, nämlich Benjamin, als dieser die Satzungen des Bundes gebrochen hatte (RICHTER 20:7). Der Krieg gegen Nahasch, den Ammoniter, zeigt, daß von den Stämmen verlangt wurde, jedem Mitglied des Stammverbundes, das sich in Schwierigkeiten befand, zu helfen. Weil der Bund zwischen den israelitischen Stämmen heilig war, wurden die Kriege der Stämme als "die Kriege des HERRN" angesehen (2. MOSE 17:16; 4. MOSE 21:14). Dennoch wird im Buch der Richter durch die Beschreibungen der Kriege, die Israel gegen seine Feinde führte, deutlich, daß das Bündnis in diesen Tagen ziemlich schwach gewesen sein mußte. Das Bewußtsein von nationaler und religiöser Einheit hatte sie noch nicht zu einer festen politischen und militärischen Einheit zusammengefügt. Deboras Siegeslied verdeutlicht klar den Mangel an Solidarität unter den Stämmen, denn einige waren den galiläischen Stämmen nicht zuhilfe gekommen. Es ist nicht möglich, auch nur einen Krieg gegen äußere Feinde zur Zeit der Richter zu benennen, bei dem alle Stämme mit vereinten Kräften auszogen. Tatsächlich gibt es sogar Hinweise für Meinungsverschiedenheiten und Streit unter den Stämmen (RICHTER 7-8;12). Hier gibt es Gelehrte, die die Meinung vertreten, daß die rettenden Richter nicht über alle Stämme und das gesamte Volk gesetzt waren, sondern nur einzelne Stämme oder Stammesgruppen führten.

Erst gegen Ende der Richterzeit, als im Westen die Philister die israelitischen Stämme mehr und mehr bedrängten und im Osten fremde Völker von jenseits des Jordans verstärkt Druck ausübten, nahm die religiös-nationale Vereinigung der Stämme politische und militärische Dimensionen an. Erst da vereinigten sich die israelitischen Stämme zunehmend zu einer feststehenden national-territorialen Einheit im Rahmen der monarchischen Herrschaft. David, Salomo und spätere Könige von Israel und Juda neigten dazu, das Stammesbewußtsein zugunsten der territorialen und monarchischen Organisation zu schwächen. Trotzdem wird aus Hesekiels endzeitlicher (eschatologischer) Vision (HESEKIEL 47-48) ersichtlich, daß Israels Bewußtsein, ein aus zwölf Stämmen zusammengefügtes Volk zu sein, selbst in dieser Zeit nie ausgelöscht war. Vergleiche auch "Die zehn verlorenen Stämme". [B.O.]


In der Haggada. In der haggadischen Literatur bezieht sich das Wort "shevatim", ("Stämme"; singular: shevet) sowohl auf die zwölf Söhne Jakobs als auch auf die Stämme, die von ihnen abstammen. Als Jakob seine Heimat verließ und seinen Traum hatte, nahm er zwölf Steine als Kopfstütze und erklärte: "Gott hat beschlossen, daß es zwölf Stämme sein müssen; sie kamen aber noch nicht von Abraham oder Isaak. Wenn also diese zwölf Steine zu einem werden, dann weiß ich, daß ich dazu bestimmt bin, sie zu zeugen (1. MOSE R. 68:11), und tatsächlich, die zwölf Steine wuchsen zu einem zusammen (1. MOSE 28:11, im Gegensatz zu Vers 18). Aus dem Englischen heißt es wörtlich übersetzt in Vers 11: "und er nahm von den Steinen dieses Platzes und nahm sie als Kopfunterlage ..." und in Vers 18: "... und nahm den Stein, den er als Kopfunterlage genommen hatte ..."). Während sowohl Abraham als auch Isaak auch böse Söhne zeugten, nämlich Ismael und Esau, waren alle zwölf Söhne Jakobs treu gegenüber Gott (Shab. 146 a; siehe auch 2. MOSE R. 1:1). Sie alle wurden in bezug auf Israels Erlösung aufgezählt (Tanh. Shemot 5), und Gott erklärte: "Ihre Namen sind mir besser als das Salböl, mit dem Priester und Könige gesalbt werden" (PREDIGER 7:1-2).

Alle Stammesväter wurden außerhalb des Landes Israel geboren, mit Ausnahme von Benjamin, und alle außer Benjamin machten mit beim Verkauf Josephs. Deshalb erhielt der Stamm Benjamin das Vorrecht auf die "Schekhinah", zum Beispiel beim Anteil am Tempel (Sif. 5. MOSE 3:5, 352). Keiner der Stämme behielt in Ägypten seine Familienreinheit, und alle außer Ruben, Simeon und Levi begingen dort Götzendienst (4.MOSE R. 13:8). So wie die Himmel nicht ohne die zwölf Sternbilder auskommen können (2. MOSE R.15:6), so kann die Welt nicht ohne die zwölf Stämme auskommen, denn nur durch den Verdienst der zwölf Stämme wurde die Welt geschaffen (PR 3:10). Die Namen der Stämme sind nicht immer in derselben Reihenfolge aufgezählt, so daß man nicht sagen kann, daß die, die von den Herrinnen (Rahel und Lea) abstammten, Vorrang vor den Abkömmlingen der Leibmägde hätten (Bilha und Silpa; 2. MOSE R. 1:6).

Der Stamm Sebulon trieb Handel und unterstützte den Stamm Isaschar, um diesen zum Studium der Tora zu befähigen. Deswegen gab Mose in seinen Segnungen dem Stamm Sebulon den Vorrang (Yal. 1.M 129). Alle Stämme brachten Richter und Könige hervor, außer Simeon, wegen der von Simri begangenen Sünde (Mid. Tadshe 8; siehe 4. MOSE 25;1-2,14). Jeder Stamm brachte Propheten hervor, aber nur Juda und Benjamin brachten auch durch die Leitung eines Propheten Könige hervor (Suk 27b).

Die Stämme Benjamin und Juda wurden nach Babylon in die Verbannung verschleppt, während die zehn Stämme über den Fluß Sambatyon (1.M R.73:6) weggeführt wurden. Die zehn Stämme sollen weder auferweckt noch gerichtet werden, und R. Simeon b. Yohai sagte: "Sie werden niemals aus der Verbannung zurückkehren." R. Akiva dagegen hält daran fest, daß sie zurückkehren werden (ARN 36:4). Aber vergleiche "Die zehn verlorenen Stämme". Der davidische Messias wird von zwei Stämmen abstammen, sein Vater von Juda und seine Mutter von Dan (Yal. 1.M 160).

[H.FR.]

Literatur: B. Luther: in ZAW, 21 (1901); 37ff; E. Meyer: Die Israeliten und ihre Nachbarstämme (1906); 498ff. W.F. Albright: in JPOS, 5(1925); 2-54; A. Alt: Die Landnahme der Israeliten in Palästina (1925) A. Alt: in PJB, 21 (1925); 100ff; A. Alt: in E. Sellin Festschrift (1927); 13-24; Alt: Kl Schr, 2 (1953); 1-65); M. Noth: Das System der Zwölf Stämme Israels (1930); 85-108; W. Duffy: The Tribal History Theory on the Origin of the Hebrews ("Die stammesgeschichtliche Theorie zum Ursprung der Hebräer"; 1944); Albright: Arch Rel. 102-9; C.V. Wolf: in JBL, 65 (1946); 45-49; C.V. Wolf: in JQR, 36 (1945/46); 287-95; Noth, Hist Isr; 53-137; Bright, Hist, 142-60; R. Smend: Yahweh's War und Confederation ("Jahwes Krieg und Stämmebund"; 1970) In der Aggadah; Ginzberg: Legenden 7 (1938), 48l (Index), zu: die 12 Stämme Israels