Demut und Heiligkeit

Wir hören eine Menge über Heiligkeit. Ob diese Heiligkeit, die wir vorgeben zu suchen oder meinen erlangt zu haben, wahrhaftig und lebendig ist, zeigt sich vor allem daran, inwieweit sie eine zunehmende Demut in uns hervorruft. Demut ist eins der Dinge, die der Mensch besitzen muß, damit Gottes Heiligkeit in ihm wohnen und aus ihm herausscheinen kann. Das Geheimnis im Leben, im Tod und in der Auferstehung Jesu – dem Heiligen Gottes, welcher uns heilig macht – war eine göttliche Demut. Der einzig unfehlbare Beweis unserer Heiligkeit ist unsere Demut vor Gott und den Menschen. Demut ist die Blüte und Schönheit der Heiligkeit.

Das wichtigste Merkmal von falscher Heiligkeit ist ein Mangel an Demut. Jeder, der nach Heiligkeit strebt muß auf der Hut sein, damit nicht das, was im Geist begonnen wurde, unbewußt im Fleisch beendet wird und sich nicht Stolz einschleicht, dort wo er am wenigsten erwartet wird. Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel um zu beten: Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Es gibt keinen Ort oder Platz, der so heilig ist, daß ihn der "Pharisäer" nicht betreten könnte. Direkt im Tempel Gottes vermag der Stolz sein Haupt zu erheben, um so Seine Anbetung zur Selbsterhöhung werden zu lassen.

Seitdem Christus auf diese Weise dessen Stolz bloßgestellt hatte, tritt der Pharisäer im Gewand des Zöllners auf. Ein Bekenner von tiefer Sündhaftigkeit muß, ebenso wie der Vertreter von höchster Heiligkeit müssen auf der Hut sein. Gerade wenn wir am meisten darauf bedacht sind, daß unser Herz der Tempel Gottes ist, sehen wir zwei Männer zum Gebet hinaufkommen. Und der Zöllner wird erkennen, daß die Gefahr nicht von dem Pharisäer kommt, der neben ihm ist und ihn verachtet, sondern von jenem Pharisäer, der in ihm ist, welcher rühmt und erhöht. In Gottes Tempel, wenn wir glauben, daß wir im Allerheiligsten sind, in der Gegenwart Seiner Heiligkeit, dann laßt uns in Acht nehmen vor Stolz.

"Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute ... oder auch wie dieser Zöllner" (LUKAS 18:11). Gerade in der Danksagung, die wir Gott erweisen, und in dem Bekenntnis, daß Gott alles getan hat, findet unser Ego einen Grund zur Selbstzufriedenheit. Ja, sogar im Tempel, wo man die Sprache der Buße und des Vertrauens in Gottes Gnade allein vernimmt, genau dort kann der Pharisäer den Lobgesang erheben und durch seine Danksagung an Gott sich selbst beglückwünschen. Stolz kann in dem Gewand des Lobpreises oder der Buße auftreten.

Obwohl die Worte "Ich bin nicht wie die andern Leute" zurückgewiesen und verurteilt werden, findet sich ihr Geist allzu oft in unseren Gefühlen und unserer Sprache gegenüber unseren Geschwistern und Mitmenschen. Wenn du wissen möchtest, ob das wirklich so ist, dann brauchst du dir nur die Art und Weise anzuhören, in der Christen und Gemeinden oft übereinander reden. Wie wenig sieht man hier von der Sanftmütigkeit und Freundlichkeit von Jesus. Man denkt kaum daran, daß alles, was Jesu Knechte von sich selbst oder von anderen sagen, in tiefer Demut geschehen muß.

Haben wir nicht manch eine Kirche oder Gemeinde von Heiligen, manch eine Gesandtschaft oder Tagung, manch einen Verein oder Ausschuß, oder sogar manch eine Heidenmission, wo die Harmonie gestört und die Arbeit Gottes behindert wird? Kommt es nicht daher, weil sogenannte heilige Männer sich als reizbar, jähzornig und ungeduldig erweisen; weil sie selbstgerecht und anmaßend sind, scharf urteilen und grob reden, ohne den anderen höher zu achten als sich selbst? Kommt es nicht daher, daß ihre Heiligkeit wenig von der Sanftmütigkeit der wahren Heiligen besitzt?

In ihrer geistigen Entwicklung mögen die Menschen durch Zeiten großer Demütigungen und Gebrochenheit gegangen sein. Aber was für ein Unterschied es doch darstellt, wenn man mit Demut angetan ist und einen demütigen Geist besitzt. Wie verschieden ist das doch im Vergleich zu jener Niedriggesinntheit, bei der ein jeder sich als Knecht des anderen versteht und so jene Gesinnung offenbart, die auch in Jesus Christ war.

Jesus, der Heilige, ist der Demütige. Der heiligste wird auch immer der demütigste sein. Niemand ist heilig außer Gott. Wir besitzen genau so viel Heiligkeit, wie wir von Gott haben und gemäß dessen wird auch unsere wahre Demut sein. Denn Demut ist nichts anderes als das Verschwinden des eigenen Egos innerhalb der Vision, daß Gott alles ist.

Wo ein Mensch vor Gott nichts wird, kann er nicht anders als demütig sein zu seinen Mitmenschen. Die Gegenwart Gottes wird nicht zu einer Angelegenheit von bestimmten Augenblicken oder Zeiten, sondern zu einem Dach, unter dem die Seele fortwährend wohnt. Ihre innige Demut vor Gott wird zu einem heiligen Ort Seiner Gegenwart, aus welchem all ihre Worte und Werke entspringen.

Möge Gott uns lehren, daß unsere Gedanken, Worte und Gefühle gegenüber unseren Mitmenschen, Sein Test unserer Demut Ihm gegenüber darstellen. Möge Er uns lehren, daß unsere Demut vor Ihm die einzige Kraft ist, welche uns befähigt, stets demütig zu unseren Mitmenschen zu sein. Unsere Demut muß das Leben von Christus, dem Lamm Gottes, in uns sein.

von Andrew Murray

Andrew Murray (1828-1917) war Pastor in Südafrika und Anführer der Heiligungsbewegung.

Zusammengefaßt aus Demut. New Kensington, Pa.: Whitaker House, 1982.

Entnommen aus HQL-9952, p. 9-10