Das Aufpolieren der Schrift

Am Anfang schufen die Menschen die Bibel und machten sie nach ihrem eigenen Bilde: "Gott der Vater, Gott der Sohn." Letzte Woche versuchte ein Komitee des Nationalen Kirchenrates das Königreich der Menschen zu beenden, indem es ein "provisorisches und versuchsmäßiges" Meßbuch herausbrachte - ein Buch mit Lektionen über Schriften und Evangeliumstexten - in dem die biblischen Texte von der "sexistischen", männlich orientierten Sprache gereinigt wurden, einschließlich aller Hinweise auf eine einzig maskuline Gottheit. Es war ein unvermeidlicher Teil eines größeren Trends zur liturgischen Modernisierung, wie in der neuesten Überarbeitung des allgemeinen Gebetsbuches der Episkopalen, und wenn es zwangsweise von Gemeindevorstehern benutzt wird, wird es möglicherweise am Ende noch mehr Uneinigkeit schaffen.

Das Gesicht Gottes in Michelangelos "Die Erschaffung des Adam":Das Gesicht Gottes in Michelangelos "Die Erschaffung des Adam":Unsere Mutter,die du bist im Himmel? Viele der Überarbeitungen sind ziemlich geringfügig - der Gebrauch des Wortes "Menschheit" anstatt "Mann" in der Schöpfungsgeschichte zum Beispiel, oder die Übersetzung von "meine Brüder" mit "mein eigenes Volk" im Paulusbrief an die Römer. Weibliche Namen werden altväterlichen Bittgebeten hinzugefügt: "Wir haben Abraham zum Vater (und Sara und Hagar als unsere Mütter)." Andere Neuerungen erscheinen jedoch überspannt, wie zum Beispiel bei einem geschlechtlich neutralen "Allerhöchsten" anstelle von "Herr". Gelegentlich hört sich das Meßbuch wie die von den Coneheads übersetzte Schrift an: Der Vers in 1. MOSE, wo sich Gott entschließt, eine "Gehilfin" für den ersten Mann zu schaffen, lautet nun so: "Dann sprach Gott der Allerhöchste, 'Es ist nicht gut, daß das menschliche Wesen allein sei; ich will einen zu der Kreatur passenden Gefährten schaffen.'" Am erschreckendsten ist jedoch die Doppelgeschlechtlichkeit der Gottheit. Wenn Jesus (der jetzt das "Kind" Gottes anstatt der "Sohn" ist) betet, tut er das in Klammern: "(Gott meine Mutter und) mein Vater, die Stunde ist gekommen."

Die erste Reaktion war gemischt. Kirchenvorsteher und Geistliche mit feministischen Sympathien waren erfreut, unvoreingenommene biblische Texte zu sehen, so Rev. Heather M. Elkins, eine methodistische Pastorin aus Westvirginia, die bemerkte, daß "die jüngeren Mädchen in meiner Gemeinde es besonders schätzen, daß sie selbst als 'die Kinder Gottes' mit eingeschlossen sind anstelle der "Söhne". Obwohl sie eine Spaltung über bekannte Abschnitte einräumen mußte, verlangte Virginia Ramey Mollenkott - eine der Autorinnen des Meßbuches - trotzdem: "Sind Christen bereit, sprachliches Unbehagen zum Zwecke der Klarstellung des alles in sich einschließenden Evangeliums auszuhalten?" Für viele war es mehr als nur sprachliches Unbehagen. John Meyendorff, Professor für Kirchengeschichte am Orthodoxen Seminar St. Vladimir in Crestwood, N.Y., ging weiter: "Jede Übersetzung ist immer eine Interpretation, aber diese Übersetzung weicht von der Absicht der Verfasser ab. Sie ist eine Täuschung ... Sie zeigt eine beklagenswerte Einstellung und wird mehr Zwietracht unter den Kirchen säen."

Die Lutheranische Kirche in Amerika hat das neue Meßbuch bereits verworfen, und viele örtlichen Gemeinden anderer Denominationen werden diesem Beispiel folgen. Bibelübersetzer werden wahrscheinlich auch eine Abneigung gegen das Herumpfuschen des Meßbuches an Schrifttexten haben. Aber Feministen könnten Trost von den Christlichen Wissenschaftlern bekommen, die seit mehr als einem Jahrhundert den Ausdruck "Vater-Mutter Gott" der Gründerin Mary Baker Eddy in ihren Gottesdiensten angewandt haben. Und wie dem auch sei, das neue Meßbuch hat jedenfalls eine der Prophezeiungen Jesu (JOHANNES 4:21) einen Schritt näher zur Erfüllung gebracht: "Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten."

von PETER McGRATH

mit DAVID GATES in New York.

BIBEL GEGEN BIBEL

Unmittelbar mit der Revised Standard Version verglichen weist die neue protestantische Lesebibel einige deutliche Unterschiede auf

Revised Standard Version

New Translation

An dem Tag, an dem Gott der Herr die Erde und die Himmel machte, als noch keine Pflanze des Feldes in der Erde war und kein Kraut des Feldes aufgegangen war - denn Gott der Herr hatte es noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mann war da, das Land zu bebauen; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und befeuchtete alles Land - da machte Gott der Herr den Mann aus Staub des Bodens und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase; und so ward der Mann ein lebendiges Wesen.

1. MOSE 2:4-7 

An dem Tag, an dem Gott das Allerhöchste Wesen die Erde und die Himmel machte, als noch keine Pflanze des Feldes in der Erde war und kein Kraut des Feldes aufgegangen war, denn das Allerhöchste Wesen hatte es noch nicht regnen lassen Erden, und niemand war da, das Land zu bebauen; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und befeuchtete alles Land - da machte Gott, das Allerhöchste Wesen, eine menschliche Kreatur aus Staub vom Boden und blies den Odem des Lebens in die Nase der Kreatur, und so ward die menschliche Kreatur ein lebendiges Wesen. 

Zu der Zeit verkündete Jesus: Ich danke dir, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du diese Dinge den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart; ja, Vater; das war dein barmherziger Wille. Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn denn nur der Vater, und niemand kennt den Vater denn nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 

MATTHÄUS 11:25-27 

Zu der Zeit verkündete Jesus: Ich preise euch, [Gott meine Mutter und] Vater, Allerhöchstes Wesen des Himmels und der Erde, daß ihr solches den Weisen und Klugen verborgen habt und habt es den Unmündigen offenbart; ja, Gott; denn das war euer barmherziger Wille. Alle Dinge sind mir übergeben von [Gott] meinem Vater [und meiner Mutter]; und niemand kennt das Kind denn nur Gott; und niemand kennt Gott denn nur das Kind und wem es das Kind offenbaren will. 

  Quelle: Newsweek, 24. Oktober 1983