Ein Besuch auf Herrnhut

                                                                           Braunschweig, 31. Januar 2003

Lieber Scott!

Viele Grüße aus Norddeutschland, wo wir kürzlich Herrnhut bei Dresden besuchten. Dabei verbrachten Christof, Heiko und ich den ganzen Tag in der Bücherei. Wir durchforschten viele alte Bücher und Briefe. Die Originale gehen sogar bis auf 1723 zurück. Wir machten erstaunliche Entdeckungen und stellten fest, wie übereinstimmend die Leitung des Herrn in unserer Gemeinde heute ist. Wir kauften auch einige Bücher und sind in Kontakt mit der Lehrgruppe zu ihrer Prüfung. Du hattest ja oft über die Strenge und Disziplin auf Herrnhut geredet. Jetzt fanden wir noch mehr Quellen dazu, die das bestätigen.

Otto Uttendörfer schrieb ein ganzes Kapitel über „die Zuchtübung“ (Lit.: Wirtschaftsgeist und Wirtschaftsorganisation Herrnhuths und der Brüderngemeinde, Otto Uttendörfer 1926). Die alten Zitate von ihm sind noch erhältlich, aber man ist nur nach einem besonderen Studienkurs in der Lage, die handgeschriebenen Texte zu entziffern. Er schrieb, dass ohne Zucht eine solch tiefverwurzelte Gemeindedisziplin in Einigkeit, die Gemeindesitte, kaum möglich gewesen wäre, vor allem weil in sehr kurzer Zeit so viele Leute hinzugekommen waren. Die Menschen waren sehr ernsthaft in ihrem Bestreben, ihre Fehler und ungerechten Charakterzüge auszumerzen. Das konnte am Ende nur zu dieser Herrnhut so bezeichnenden Kraft, Moral und Einigkeit führen.

Verschiedene Maßnahmen wurden ergriffen, um die Mitglieder von Herrnhut zu disziplinieren. Unter anderem gab es den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Zitat (aus dem Englischen übersetzt): „In schwerwiegenderen Fällen gingen die Versammlung und der Ortsrat sogar noch einen Schritt weiter, indem sie Strafmaßnahmen anordneten, die Inhaftierung, körperliche Strafe und Ausschluss aus Herrnhut beinhalteten. Manchmal wurde eine öffentliche Aberkennung der brüderlichen und gesellschaftlichen Mitglieds- und Einwohnerrechte einer Person auf Herrnhut ausgesprochen. Zum Beispiel wurde Fr Böhnisch am 3. Januar 1731 zum Leibeigenen in Berthelsdorf erklärt, wobei ihm die Strafdauer nicht bekannt gegeben wurde. Weil man ihn auch nicht mehr als Bruder ansah, wurde er der öffentlichen Gerichtsbarkeit übergeben … Harte Strafen waren vor allem dann üblich, wenn Zinzendorf selbst zugegen war.

Er war sehr streng in ernsten Fällen. In einer Rede vom 19. Oktober 1735 erzählte er Kindern, wie Verführer unter ihnen in eine Grube geworfen und jeden Tag für eine Dauer von 8 Tagen Peitschenschläge bekommen sollten. Zu Zeiten der alten Israeliten wurden Leute zu Tode gesteinigt. Hier jedoch würden sie um des Evangeliums willen bestraft und verbannt werden. Außerdem liegt uns ein unterzeichnetes Dokument vom 26. November 1732 vor, als er wieder einmal als Richter fungierte: nachdem Johann Jakob Liebich (ein Jugendlicher) öffentliches Ärgernis unter den Jungen ausgelöst hatte, wurde dieser  zusätzlich zu der ohnehin schon angemessenen Strafe noch aus dem Waisenhaus verbannt. Jeder musste ernsthaft gewarnt werden, dass in einem ähnlichen oder anders erschütternden Fall Bestrafung die Folge ist … er würde nicht nur aus dem Haus geworfen, sondern auch von Herrnhut verwiesen. Dazu müsste er noch vier Wochen harte Arbeit leisten und Peitschenhiebe während dessen erdulden …‟ (Wirtschaftsgeist und Wirtschaftsorganisation Herrnhuths und der Brüderngemeinde, Otto Uttendörfer 1926, Seite 99).

„Am 12. Oktober 1734 verschwanden zwei Jungen während der Gebetszeit im Wald und stahlen Fallen der anderen Jungen. Sie wurden mit 12 Stockhieben und einer scharfen Verwarnung bestraft. Am 7. Januar 1735 wurde ein Lehrling in Berthelsdorf inhaftiert, weil er seinem Meister gegenüber ungehorsam war. Nach dieser Bestrafung am 10. Januar versprach er, sich zu bessern, und wurde wieder unter die Aufsicht seines Meisters gestellt. Am 7. November 1736 wurden drei Lehrlinge wegen verächtlichem und ungehorsamen Verhaltens ihrem Meister gegenüber ausgepeitscht und inhaftiert. Am 2. Juli 1737 schrieb Herr Berthold, ein Mitglied des Richterausschusses, in seinem Protokoll: ‚Mein Sohn wurde inhaftiert und ausgepeitscht, weil er einige Groschen (Geld) gestohlen und verchwendet hat‛‟ (Wirtschaftsgeist und Wirtschaftsorganisation Herrnhuths und der Brüderngemeinde, Otto Uttendörfer 1926, Seite 101).

Um Probleme zu vermeiden, wurden ledige Männer und Frauen streng getrennt, nicht nur während Kirchenversammlungen, sondern auch im alltäglichen Leben. Zitat: „Die Trennung verhinderte jedoch nicht jede Verletzung der ‚Heiligen Trennung von Männern und Frauen‛. Wo solche Fälle auftraten, wurden durchgreifende Maßnahmen im Alten-Herrenhut vorgenommen. Ein Fremder, der im örtlichen Gästehaus arbeitete, wurde zusammen mit vier Frauen erwischt. Der Verführer wurde für zwei Jahre der Armee übergeben. Am 12. Oktober 1744, schon zwei Tage nach seinem Urteil, wurde er von Soldaten abgeführt. Drei der vier Frauen unterwarfen sich freiwillig der Bestrafung, ausgepeitscht zu werden. Zwei Schwestern nahmen es auf sich, ‚in der Liebe des Heilandes, der Liebe zur Gemeinde und ihrer Seelen‛ diese armen Geschöpfe zu disziplinieren. Eine der Frauen erhielt 300 Peitschenhiebe, die anderen jeweils 170 und 160. Alle wurden zu Knechtschaft in den umliegenden Gütern verurteilt. Die vierte Frau verweigerte sich der Strafe zuerst, unterwarf sich jedoch später und wurde dann, als die Schlimmste der Frauen, weggeschickt. Die Gemeindezucht war nirgends so streng wie bei Verletzung des 6. Gebots. ‚Die Mitglieder der Gemeinde waren darauf bedacht, angemessene Disziplin und Ordnung aufrecht zu erhalten. Wir versuchten immer das Richtige zu tun, aber manchmal sind wir am Ziel vorbeigeschossen‛‟ (Lit.: Zinzendorf-Trilogie, Erich Beyreuther 1988, Seite 223).

Wir fanden auch einige Beispiele von Verfolgung gegen die ‚Herrnhuter Brüdergemeinde‛ durch die katholische Kirche. Die schlimmsten Zeugnisse stammen aus der Zeit vor Zinzendorf. Zitat: „Die Ehefrau von Vladislav II. war eine fanatische Katholikin und brachte den König dazu, die Ketzer im Land zu verfolgen. Im Jahre 1503 veröffentlichte der König einen Erlass mit dem Befehl gegen die ‚Pikarten‛ vorzugehen, damit diese bestraft würden, weil sie ‚viel schlimmer und gefährlicher seien als die Türken‛. Ketzer, die sich nicht unterwarfen und ihrem Glauben absagten, wurden verbrannt. So kam es zur Verfolgung der ‚Herrnhuter Brüdergemeinde‛ mit dem Ziel, sie vollkommen zu vernichten. Im gleichen Jahr verurteilte der adlige Fanatiker Christoph von Schwamberg 6 Gemeindemitglieder, nämlich einfache Bauern und Arbeiter, dazu, lebendig verbrannt zu werden. Sie hatten ihren Glauben an Gott und den Gemeinderat bekannt. Sie wurden dazu verurteilt, lebendig verbrannt zu werden, weil sie sich weigerten, den Anweisungen römisch-katholischer Priester Folge zu leisten. Sie bekannten statt dessen, dass sie ihre eigenen Priester hätten. Die Ältesten der ‚Herrnhuter Brüdergemeinde‛ sendeten Warnungen an die tief ergriffenen Gemeinden aus. In Bezug auf den Tod dieser Märtyrer schrieben sie: ‚Tod ist nicht so stark wie unsere Liebe zu Gott, ja, sie ist stärker als der Tod, weil weder Leben noch Tod die Auserwählten Gottes von der Liebe in Jesus Christus, unserem Herrn, trennen kann …‛‟ (Lit.: Kurze Geschichte der böhmisch-mährischen Brüder-Unität, Verlag des Brüderboten, Seite 21).

Es war sehr interessant, über das Leben in dieser Zeit zu lesen. Sie hatten verschiedene Gemeindegruppen, getrennt für verheiratete Paare, Witwen, unverheiratete Männer, unverheiratete Frauen, ältere Mädchen, ältere Junge und Kinder. Die Kindererziehung ist sehr interessant, insbesondere die Art und Weise, wie sie die Kinder zur Errettung führten. Manchmal war Herrenhut in finanziellen Schwierigkeiten. Ein Mann fing an, eine Fabrik aufzubauen. Bevor seine Ideen und Pläne akzeptiert und umgesetzt wurden, hatte er viel Widerstand zu erdulden. Wir fanden viele Dinge, von denen wir alle lernen können.

JEREMIA 6:16 „So spricht der HERR: Tretet hin an die Wege und schauet und fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele!‟

 

In Christi Liebe,

Franz.