Wenn ich das wunderbare Kreuz betrachte

Aus „Leite, freundlich Licht...“ (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „This England“)

Wenn etwa 250 Jahre nach dem Tod eines Autors seine Hymnen, einschließlich solcher Kleinode wie „O God Our Help In Ages Past“ (Oh Gott, Du warst unsere Hilfe in vergangenen Zeiten), noch auf der ganzen Welt gesungen werden, dann ist der Schöpfer dieser Verse zweifelsohne einer der beliebtesten Hymnenschreiber.

Insgesamt schrieb Isaac Watts ungefähr 700 Hymnen und erwarb sich damit den Titel „Vater des englischen Hymnengesangs“. Viele seiner Hymnen sind heute noch sehr beliebt, und sein Weihnachtslied „Joy to the World“ (Ode an die Freude) wird jedes Jahr zu Weihnachten freudig gesungen. Isaac Watts wurde im Jahre 1674 in Southampton geboren. Er war der Sohn eines Ältesten in der Kongregationalistengemeinde. Auf dem Gymnasium erwies er sich als begabter Schüler. Leider geriet er in Konflikt mit dem Gesetz, welches diejenigen, die nicht Anglikaner waren, daran hinderte, in Oxford oder Cambridge studieren zu können. Daher wurde er auf einer nonkonformistischen Akademie ausgebildet, und ihm wurde im Jahre 1702 das Pastorenamt des Mark Lane Chapel in London zugewiesen. Nach etwa zehn Jahren konnte er seinen Dienst aufgrund seiner schlechten Gesundheit nicht weiter ausüben. Die letzten 36 Jahre seines Lebens verbrachte er als Halbinvalide und Gast von Sir Thomas und Lady Abney. Das ermöglichte es ihm, seine erstaunliche Menge ausgezeichneten Hymnen niederzuschreiben. Selbst als kleiner Junge hatte Watts bereits großes Interesse am Dichten. Einmal begann er während des Familiengebets zu lachen. Sein Vater fragte ihn nach dem Grund, und er gab zur Antwort, daß er ein Geräusch gehört und seine Augen geöffnet hatte. Hierbei hatte er eine Maus gesehen, die an einem Seil in der Ecke hinaufgelaufen war. Sofort hatte er folgendes gedacht: „Eine kleine Maus, der eine Treppe mangelte, am Seil hinauf zum Gebet sich hangelte“. Sein Vater fand dies pietätlos, woraufhin er ihn körperlich bestrafte. Währenddessen rief Isaac: "Laß Gnade walten, Vater mein, werd‘ auch kein Verseschmied mehr sein!“ Eine Geschichte über Watts besagt, daß er sich im Alter von 16 Jahren bei seinem Vater beschwerte, daß die Hymnen, welche in seiner Ortsgemeinde gesungen wurden, „langweilig und nutzlos“ seien. Daraufhin antworte ihm sein Vater: „Dann schreibe eben etwas Besseres“. Diese Herausforderung nahm der junge Isaac zu unser aller bleibenden Freude an.

Ist „When I survey the Wondrous Cross“ (Wenn ich das wunderbare Kreuz betrachte) die großartigste Hymne, die jemals geschrieben wurde? Charles Wesley war auf jeden Fall dieser Meinung und lobte Watts in höchsten Tönen. So sah es auch der große viktorianische Essayist und Dichter Matthew Arnold, der sie scheinbar am letzten Sonntag seines Lebens in der presbyterianischen Kirche in Liverpool gehört hatte. Man sagt, er hätte kurz vor seinem plötzlichen Tod, einige Tage später, den dritten Vers wiederholt. Damals wurde geschrieben, daß mit „When I Survey“ Neuland betreten wurde, da es der erste Versuch war, von objektiven, lehrmäßigen Hymnen wegzukommen, um stattdessen den subjektiven, persönlichen Glauben einzubringen. Möglicherweise ist sie die erste Hymne, welche das persönliche Fürwort „Ich“ enthält. Manche Kirchen haben es sich zur Gewohnheit gemacht, den vierten Vers auszulassen, da er so blutig erscheint. Aber es ist unwahrscheinlich, daß Isaac Watts damit einverstanden gewesen wäre, vor dem Grauen der Kreuzigung Christi zurückzuschrecken. In manchen Hymnenbüchern wird das Wort „Geschenk“ im fünften Vers mit dem Wort „Opfer“ ersetzt, um so das persönliche Opfer, welches Christi Tod am Kreuz von jedem einzelnen von uns fordert, mehr zu betonen.

Wenn ich das wunderbare Kreuz betrachte,
an dem der Prinz der Herrlichkeit hing,
ich meinen größten Gewinn als Verlust erachte,
und mein Stolz wird sehr gering.

Bewahr‘, daß ich mich rühmen sollte, Herr,
außer des Todes Christi, des Gottes mein;
Alle eitlen Dinge, die michverlocken so schwer,
ein Opfer für das Blut, sie werden sein.

Sieh, von seinem Kopf, den Füßen, Händen,
Sorgen und Lieb‘ vermischt im Fließen
Keine Lieb ́ und Sorg ́ wird er verschwenden,
in der Dornenkron‘ wird sich sein Reichtum ergießen.

Sein Blut fließt wie ein Kleid
über seinem Körper an dem Baum,
Ich bin tot für die Welt,
und auch die weite Welt kennt mich kaum.

Wär‘ alles Reich der Natur mein,
ein größeres Geschenk könnt‘ niemand geben,
Oh großartige Liebe, Oh himmlischer Schein,
Dir gehört meine Seele, mein Alles, mein Leben.