War die Protestantische Revolution ein Fehlschlag?

(Dieser Artikel von Dr. George Bartoli, einem ehemaligen römisch-katholischen Gelehrten, wurde 1910 dem "Knox Club" überreicht, aber trotz der Zeit, die seitdem verstrichen ist, vergegenwärtigt er uns das Bild einer Kirche und eines Systems, welches sich nicht ändert und sich tatsächlich nicht ändern kann, ohne etwas völlig anderes zu werden. Einige Daten wurden gestrichen - Hrsg.)

Uns wird erzählt, daß die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts keines der Ziele erreichte, für die unsere Vorfahren sich in einer Revolte gegen die Tyrannei Roms erhoben. Wir dagegen behaupten, daß wir der Reformation folgendes verdanken:

  1. Unsere heutigen politischen Freiheiten.
  2. Unsere religiösen Freiheiten.
  3. Unseren heutigen weltweiten Fortschritt.

Ich behaupte, und zwar aus gutem Grund, daß wir unsere politischen Freiheiten der protestantischen Reformation des sechzehnten Jahrhunderts verdanken. Natürlich kam die politische Freiheit nicht sofort nach der Reformation. Es war eine Frucht, die in den verschiedenen Teilen Europas mehr oder weniger Zeit brauchte, um zu reifen, aber der Zusammenhang zwischen der Reformation und den politischen Freiheiten in Europa ist nicht zu leugnen. Um das zu beweisen, werde ich keine Daten zitieren oder Fakten aus der europäischen Geschichte vortragen. Sie sind den meisten von ihnen so gut bekannt, daß das ganz unnötig ist. Ich werde vielmehr eine Übersicht erstellen. In den vatikanischen Archiven wird eine riesige Anzahl von Briefen aufbewahrt, die von den Päpsten an verschiedene Kaiser, Könige und Fürsten Europas in den Jahren 1500 bis 1700 geschrieben wurden, d.h. während der ganzen Zeit der Reformation. Nun, die Päpste Roms wurden niemals müde, diese Herrscher davor zu warnen, ihrem Volk religiöse Zugeständnisse zu machen, weil religiöse Freiheit notwendigerweise politische Freiheit mit sich bringt; und das Volk, das heute lauthals nach Selbstbestimmung in religiösen Angelegenheiten schreit, wird morgen Selbstbestimmung in politischen Angelegenheiten verlangen. Heute erheben sie sich gegen die Kirche, morgen werden sie gegen den Staat rebellieren. Daß diese Päpste in solchen Gedanken nicht im Irrtum waren, zeigte die folgende Begebenheit sehr deutlich.

Durch die protestantische Reformation entstanden Parlamente in ganz Europa; und die Freiheiten des protestantischen England wurden im Laufe der Zeit zu den Freiheiten fast aller Staaten Europas. Es gab jedoch einige Ausnahmen. Die von Luther angeführte religiöse Bewegung wurde in Spanien, in Portugal und in den Staaten der Kirche von Rom niedergeschlagen; diese Königreiche und Staaten mußten auf die Französische Revolution warten, um frei zu werden. Was das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus - aufgrund der Verderbtheit der Menschen - nicht tun konnte, wurde mit Schwert, Feuer und Blutbad durch die Hände eines wütenden Mobs getan. Die Fürsten und Adligen von Europa wollten nicht auf die sanfte Stimme des Evangeliums hören. Sie hörten das Donnern der Kanonen, das Schlachtgetümmel, und mußten sich der blutigen Axt des Scharfrichters ergeben. Das friedliche, ruhige wohlhabende England, das den französischen Flüchtlingen zur Zeit Robespierres und Dantons Schutz gab, ist ein Beispiel dafür, was wir dem Protestantismus verdanken. In einem protestantischen Land ist eine Französische Revolution unmöglich.

Die protestantische Reformation schaffte das "Gottesgnadentum der Könige" ab. Was war das? Es war eine politische und religiöse Theorie, aufgrund derer Könige und Prinzen glaubten, daß sie allein durch göttliche Berufung und Autorität auf ihren Thron gesetzt wären. Ihr Volk hatte damit nichts zu tun. Daher waren sie niemandem für ihr Verhalten und ihre Taten Rechenschaft schuldig als Gott allein und Seinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, dem Papst. Die Schrecken, die Tragödien und der blutige "Karneval", die das berüchtigte "Gottesgnadentum der Könige" über England, Schottland, Deutschland, Frankreich, Spanien, Rußland, Italien und ganz Europa gebracht hat, sind unbeschreiblich und werden das verdorbene Christentum des Mittelalters für immer beschämen. Denn dieses wahnwitzige Gottesgnadentum der Könige war ein deutliches Merkmal des mittelalterlichen Katholizismus.

Nach der Auffassung römischer Theologen ist der Katholizismus ein riesiges Reich, ein gewaltiges Unternehmen, ein Monopol göttlicher Dinge in der Hand eines Mannes auf Erden - des Papstes - und gehört nur einer Kirche allein - der römisch-katholischen Kirche. Der Papst ist der höchste Herrscher des Christentums. Kaiser, Könige und Fürsten erhalten ihre Autorität von ihm und durch ihn allein. Sie regieren ihre jeweiligen Völker an seiner Stelle. Sie erkennen es an, daß ihre Autorität von ihm stammt, der in seiner Eigenschaft als Stellvertreter Gottes auf Erden Staaten und Königreiche, Kronen und Zepter an jeden verteilen kann, der ihm gefällt, und der nach seinem Willen auch die älteste Dynastie auf Erden enteignen kann. Es wird behauptet, daß Gott dem Papst zwei Schwerter gegeben habe: das geistliche und das weltliche. Das erste führt er selbst, das andere vergibt er an Kaiser und Könige, damit sie es zu seinen Gunsten und nach seinem Befehl gebrauchen. In diesem System sind Kaiser, Könige und Fürsten ausführende Organe des Papstes. So war der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches in der imperialistischen Denkweise der Kirche Roms nur ihr erster Schwertträger, ihr Hauptscharfrichter, ihr erster Diener, ihr demütiges Werkzeug.

Die Päpste Roms hatten eine faire Chance, die Welt in ein Paradies zu verwandeln, als sie das System der päpstlichen Regierung verfolgten; aber sie haben erbärmlich versagt. Was die Päpste in mindestens zehn langen Jahrhunderten nicht erreichen konnten, als sie als oberste Gewalt über Kaiser, Könige, Fürsten, Bischöfe und Christen in ganz Europa regierten, werden sie heute auch nicht schaffen. Laßt die Protestanten Europas nicht der Täuschung verfallen, daß die Kirche Roms sich geändert hat. Ihre Herrscher sind sicher besser, aber ihr System ist so antichristlich, verdorben, beleidigend, verdammenswert und schädlich wie immer.

Der zweite Vorteil, den die protestantische Reformation dem christlichen Volk schenkte, war religiöse Freiheit oder Freiheit des Gewissens. Wir neigen jetzt dazu, uns aus diesem großen Geschenk des allmächtigen Gottes wenig zu machen; und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil wir uns schon lange daran erfreuen, und zweitens, weil wir unglücklicherweise gleichgültig gegenüber religiösen Lehren und göttlichen Dingen geworden sind. Rationalismus und falsche Wissenschaft haben einen traurigen Zweifel über fast alle christlichen Wahrheiten geworfen, die unseren Vorfahren viel bedeuteten; und unsere Herzen, die nicht länger mit einer brennenden Liebe für das inspirierte Wort Gottes glühen, sind nicht empört über eine Priesterkaste, die es wagt, unser christliches Volk des größten Schatzes zu berauben - der Freiheit, Gott nach den Anweisungen des Evangeliums anzubeten. Nicht so unsere Vorväter. Sie glaubten, daß das Christentum in Gottes Wort und nur in ihm ruhte, und baten um die Freiheit, der Lehre des Evangeliums zu folgen und ihre Anbetung und Glaubensgrundsätze danach zu formen.

Versuchen sie sich ein Bild davon zu machen, was Ihre Ahnen aufgrund ihres Glaubens durch die römisch-katholische Kirche erleiden mußten. Denken sie an ihre schottischen Märtyrer und an die viel größere Zahl, die in jedem der folgenden Länder litten: England, Frankreich, Deutschland, Holland, Spanien und sogar Italien. Es stimmt zwar, daß auch Protestanten ihre römisch-katholischen Geschwister verfolgten und deren Blut vergossen. Aber zwischen den Verfolgungen der protestantischen und der römisch-katholischen Kirche besteht ein sehr bedeutender Unterschied. Die römische Kirche behauptet sogar heute noch, daß sie das Recht hatte, Ketzer zu verfolgen und sie zu töten, wogegen die protestantischen Kirchen in der ganzen Welt dieser teuflischen Lehre abgeschworen haben und sie in ihren maßgeblichen Büchern und im Gewissen ihrer Anhänger verurteilt haben. Gewissensfreiheit ist bei den Protestanten eine heilige Sache geworden; sie ist ziemlich verbreitet unter den römisch-katholischen Ungläubigen, aber eine Ausnahme unter frommen römisch-katholischen Anhängern; sie wird von der Römischen Kirche als Irrtum und verdrehte Lehre und von den Bischöfen Roms als verdammungswürdige Ketzerei betrachtet. Die Tatsache ist, daß Intoleranz, Verfolgung und Unterdrückung aller Kirchen außer ihrer eigenen ein so wesentlicher Bestandteil des römischen Systems sind, daß sie so lange bestehen werden wie die Römische Kirche selbst; und wenn die Römische Kirche ihren alten Einfluß in der christlichen Welt noch einmal erhalten würde, würden wir in dieser christlichen Welt wiederum all die Schrecken der spanischen und römischen Inquisition sehen.

Auch ist das Recht, Gott nach seinem Gewissen anzubeten, nicht das einzige Recht eines Christen. Es gibt daneben andere Rechte; geheiligte Rechte, die durch unseren Herrn Jesus Christus vom Himmel für jeden von uns gebracht wurden - das Recht, die Schriften zu studieren, das Evangelium zu lesen und das Wort Gottes zu predigen. Rom hat sein Volk dieser Rechte beraubt. Es hat das Recht, das Wort Gottes zu lesen und zu predigen einer Kaste bezahlter Diener vorbehalten, die Sklaven seines Willens sind und von ihm geistig gefangengehalten werden. Die Kirche Roms erlaubt ihren Kindern nicht, das Wort Gottes zu lesen, zu studieren oder zu kommentieren, das heißt, sie dürfen es, aber nur "ad mentem Ecclesiae" - nach den Ansichten der Kirche. Was ist die Ansicht der Kirche? Das weiß keiner so genau, weil die Kirche nicht als abstrakte Idee existiert, sondern als konkrete menschliche Institution. Im römischen System schließt die Kirche das christliche Volk überhaupt nicht mit ein. Strenggenommen ist sie der kirchliche Körper und niemand anderes. Der Klerus ist der Herrscher, er bildet die Kirche. Es liegt bei ihm zu entscheiden, was richtig und falsch, was unwahr und was wahr ist, welche Bücher gefahrlos gelesen werden können und welche gemieden werden müssen. Hier treffen wir wieder auf die imperialistische Auffassung der Kirche Roms. Das Wort Gottes ist in Gefangenschaft. Das Wort Gottes ist nicht frei. Sie dürfen das Evangelium nicht ohne Erlaubnis von Menschen predigen. Der Heilige Geist drängt sie vergeblich, es zu tun. Vergeblich hat Gott ihnen einen erleuchteten Verstand und ein warmes Herz dafür gegeben. Wenn sie kein Priester sind, wenn Sie nicht von der Kirche geschickt sind, können Sie nicht predigen. Wenn sie zufällig eine Frau sind, wird ihnen befohlen, den Mund zu halten. Frauen können nicht evangelisieren, obwohl Jesus Maria Magdalena bat, ihren auferstandenen Herrn ihren Geschwistern zu verkünden. Die römische Kirche verbietet sogar den besten christlichen Männern, die Botschaft von Christus zu verbreiten, wenn sie von ihr keine Erlaubnis haben. Ist das nicht Sklaverei? Ist das nicht Gefangenschaft? Ist das römische System Christentum? Ist es nicht eher ein heidnisches, philosophisches System, das von einem kleinen, geheimen Kreis einiger weniger Ausgewählter studiert und enthüllt wird und vor dem gewöhnlichen Volk verborgen wird, damit es nicht gegen seine Lehrer rebelliert, wenn es das gleiche Wissen erlangt wie sie?

Schließlich gewann die protestantische Reformation für uns die Möglichkeit, uns in Richtung Zivilisation auf das Ziel menschlicher Vollkommenheit hin zu entwickeln.

Es gibt kein Wachstum und keinen Fortschritt in Wissenschaft, Kunst, Literatur und Politik, wenn es keine Gedankenfreiheit gibt. Die Befreiung von Einschränkungen ist die erste Bedingung des Wachstums. Ohne Freiheit kann keine Pflanze, kein Tier, kein Geschöpf, nichts unter dem Himmelszelt zur Vollkommenheit wachsen und seine natürlichen Qualitäten und Eigenschaften entwickeln. Wenn die Kirche Roms mächtig genug dafür ist, beraubt sie den Menschen gemäß ihrem eigenen System seiner Freiheit, und der Mensch verfällt in einen Zustand der Erniedrigung. Sehen sie sich die Länder an, die seit Jahrhunderten unter dem dauernden Joch Roms standen: Spanien, Süditalien, Portugal, Südamerika und andere Teile der Welt. Sie sind die zurückgebliebensten, ungebildetsten und abergläubischsten Länder der christlichen Welt. Das kann auch nicht auf einen Mangel an Talent oder Begabung dieser Leute zurückgeführt werden. Durchaus nicht! Der Grund ist immer derselbe. Diese Nationen konnten nicht erwachsen werden, weil sie jahrhundertelang in politischer und geistiger Gefangenschaft gehalten wurden. Sie erwachen jetzt zur Freiheit; aber in vielen Fällen leider nicht zur Freiheit, sondern zur Unordnung, Anarchie, Zügellosigkeit. Und so ist es immer mit dem Menschen. Das menschliche Pendel schwingt ständig von einem Extrem ins andere und bleibt dabei niemals auch nur einen Augenblick in der goldenen Mitte stehen.

Wenn die protestantische Reformation die Welt nicht umwandelte, lag das daran, daß sie in vielen Nationen nur kurz anhielt und nicht wagte, in das politische Leben dieser Nationen die Lehren des Evangeliums einzuführen. Es ist leichter zu zerstören als aufzubauen, niederzureißen als aufzurichten. Die Reformation zerstörte die Macht der Kirche Roms; so weit, so gut; aber in einigen Fällen und an einigen Orten wurde eine despotische Kirche durch eine andere Kirche, die ebenso despotisch und tyrannisch war, ersetzt; und vor allem versäumte sie es, alle menschlichen Systeme und Erfindungen beiseitezulegen und das herrliche Evangelium unseres Herrn Jesus Christus vollkommen anzunehmen.

Ihr protestantischen Völker, paßt auf! Die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts ist nicht nur eine geschichtliche Tatsache - sie ist ein Grundsatz. Der Grundsatz der christlichen Freiheit gegenüber heidnischer Sklaverei und Gedankenknechtschaft. Die Nationen, die die protestantische Reformation herabsetzen und verurteilen, sind reif für Sklaverei und Knechtschaft. Es ist nicht nur der Körper, der alt, schwach und gebrechlich wird; der Verstand und die Seele werden ebenfalls geistlich schwach und verfallen. Ihre Freiheit ist tot, sie haben sie verloren - durch die unnatürliche Knechtschaft der Völker unter einem Mann!

Quelle: The Bulwark