Spricht die Bibel von einer Dunstglocke?

Über die Jahrhunderte hinweg wurde von Zeit zu Zeit angenommen, daß sich über der vorsintflutlichen Erde eine Dunstglocke befand. Jerome, Übersetzer der lateinischen Vulgata (400 n. Chr.), beschrieb einen Himmel, compactae et densiores aquae.1 White folgert daraus, daß es sich dabei um einen Eishimmel handelt.2 Immanuel Kant vermutete vor mehr als zwei Jahrhunderten, daß die Sintflut durch Zusammenbruch eines "Dampfringes" verursacht worden sein könnte,3 eine Auffassung, die später (1874) unabhängig auch von Isaak N. Vail vertreten wurde.4 Dillow stellte kürzlich die Hypothese von einer vierzig Fuß hohen Säule aus Wasserdampf sechs Meilen über der Erde auf.5

Einige vertreten die Theorie einer wäßrigen, andere bevorzugen das Model einer gefrorenen Hülle. Doch gibt die Bibel überhaupt einen Hinweis auf eine solche Hülle?

Die folgenden Verse, wenn sie zusammen und wörtlich gelesen werden, sind ausreichend, um eine Hülle irgendeiner Art vermuten zu lassen: 1. MOSE 1:6-7; 1. MOSE 2:5-6,10; 1. MOSE 3:8; 1. MOSE 6:17; 1. MOSE 7:6-12,17; 1. MOSE 8:2; 1. MOSE 9:11,15,28; 1. MOSE 10:1,32; 1. MOSE 11:10; PSALM 18:12; PSALM 29:10 und 2. PETRUS 3:5-6.

1. MOSE 1:2 schildert eine Erdoberfläche, die völlig mit Wasser bedeckt ist. Zwei hebräischen Worte, tehom, gewöhnlich "die Tiefe" übersetzt, und hamayim, "die Wasser", sind beide in Vers zwei enthalten. Driver sagt, daß tehom, wie es hier benutzt wird, nicht das bezeichnet, was die Tiefe oder das Meer für die heutige Welt bedeuten würde, sondern einer "die ursprünglichen, ungeteilten Wasser, die riesige Wassermasse, die aus der Sicht des Schreibers die Erde einhüllt".6Diese Wasser, die in Vers zwei beschrieben sind, bedeckten unseren Planeten vollständig und bildeten eine Hydrosphäre auf der Erde und anscheinend eine heiße, dunstige Atmosphäre einige Meilen über der Erde - ein völlig unbewohnbares Chaos. Dies ist der Zustand der Erde, als der Geist Gottes Seinen ersten schöpferischen Akt am "Tag Eins" beginnt.

Nach der Schöpfung des Lichts befaßt sich Gott mit tehom, den Wassern der Tiefe. Zwei Taten sind nötig; die Trennung der Wasser über der Erde von denen auf der Erde sowie das Erheben des Landes und das Zwingen der Meere in die ihnen zugewiesenen Gebiete. In Vers 7 "machte Gott den Himmel (die Feste)" und benutzte den Himmel, um "die Wasser unter dem Himmel von den Wassern über dem Himmel zu trennen (d.h. eine Ordnung zwischen ihnen einzurichten)". Die Worte in Vers 7 beschreiben folglich die Erschaffung der vorsintflutlichen Dunsthülle. Ohne ein Wissen von dieser Hülle stehen Bibelstudenten bei der Bedeutung des Schöpfungswerks des zweiten Tages vor einem Rätsel.

"Die Wasser oben" wurden mabbul genannt, eine besondere Bezeichnung, um die Hülle von den Wassern unten, teom, den Meeren, zu unterscheiden. Wenn auch mabbul in Kapitel eins nicht eindeutig benutzt wird, so erscheint es anschließend, besonders in der Schilderung der Sintflut, als spätere biblische Autoren treffend an die frühere Existenz der Hülle erinnern. Von Rad legt die Heilige Schrift glänzend aus:

"Ein Verständnis ... der Sintflut hängt im wesentlichen von der richtigen Übersetzung des Wortes mabbul ab." Mabbul bedeutet nicht "Flut", "Überschwemmung" oder gar "Vernichtung", sondern es ist ein Fachbegriff für einen Teil des Weltgefüges, nämlich des himmlischen Meeres. Dieses himmlische Meer, welches sich über dem Firmament (raqia) befindet, entleert sich nach unten ... Wir müssen deshalb die Sintflut als eine Katastrophe verstehen, die das ganze Weltall betrifft. Wenn das himmlische Meer auf die Erde darunter hereinbricht und sich das urzeitliche Meer unter der Erde, welches von Gott zurückgehalten wurde, nun von seinen Fesseln befreit durch sich öffnende Erdspalten auf die Erde strömt, dann findet hier eine Zerstörung des gesamten kosmischen Systems entsprechend der biblischen Kosmogonie statt. Die zwei Hälften des ungeordneten urzeitlichen Meeres, die durch Gottes schöpferische Führung geteilt waren - die eine unten, die andere oben - sind wieder vereint; die Schöpfung beginnt, wieder im Chaos zu versinken. Deshalb betrifft diese Katastrophe nicht nur Mensch und Tier ... sondern die Erde - in der Tat, den gesamten Weltraum."7

Folglich ist mabbul der spezielle Begriff für "die Wasser oben", und unsere deutsche Übersetzung sollte jedesmal, wenn mabbul erscheint, die Worte "das Dach" oder ein passendes Synonym verwenden. Brown, Driver & Briggs erklären in ihrem klassischen Hebräischlexikon, daß mabbul "beinahe ein Eigenname zu sein scheint ...."88 Es kommt tatsächlich zweimal ohne bestimmten Artikel vor und deutet damit seinen Gebrauch als Eigenname an. Das Wort findet sich 13mal im Alten Testament, und es ist, wie von Rad bemerkt, im allgemeinen falsch übersetzt. Wenn wir alles bis auf das Wort mabbul in diesen Textstellen übersetzen, lesen wir folgendes:

  1. "Denn siehe, ich will das Wasser mabbul kommen lassen auf Erden ..." (1. MOSE 6:17a).
  2. "Er war aber sechshundert Jahre alt, als mabbul auf Erden kam" (1. MOSE 7:6).
  3. "Und er ging in die Arche ... vor dem Wassern von mabbul" (1. MOSE 7:7).
  4. "Und nach sieben Tagen kamen die Wasser von mabbul auf Erden" (1. MOSE 7:10).
  5. "Und mabbul war vierzig Tage auf Erden.." (1. MOSE 7:17a).
  6. "... daß hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser von mabbul ..." (1. MOSE 9:11b).
  7. "... und es hinfort mabbul nicht mehr geben soll, um die Erde zu verderben" (1. MOSE 9:11c).
  8. "... hinfort soll es die Wasser - nämlich mabbul nicht mehr geben - um alles Fleisch zu verderben" (1. MOSE 9:15b).
  9. "Noah aber lebte nach mabbul dreihundertundfünfzig Jahre" (1. MOSE 9:28).
  10. "... es wurden ihnen Söhne geboren nach mabbul" (1. MOSE 10:1b).
  11. "... von denen her haben sich ausgebreitet die Völker auf Erden nach mabbul" (1. MOSE 10:32b).
  12. "... und zeugte Arpachschad zwei Jahre nach mabbul" (1. MOSE 11:10c).
  13. "Der HERR hat seinen Thron über mabbul; der HERR bleibt ein König in Ewigkeit" (PSALM 29:10).

2. PETRUS 3:5-13 ist ein sehr hilfreicher, neutestamentlicher Kommentar über die Schöpfung und die Sintflut und bestätigt ebenfalls die zwei "Wasser" - Teom und mabbul:

"... eine Erde aus Wasser und durch Wasser bestand, durch welche [gr. di hon, plural] damals die Erde durch die Sintflut verderbt wurde" (2. PETRUS 3:5-6).

Daß der Schreiber den Genetivplural "welche" benutzt, zeigt seine scharfsinnige Auffassung der tatsächlich vorhandenen Bedingungen vor der Sintflut.

Wie man in 1. MOSE 9:11 und 15 sehen kann, existiert mabbul nicht mehr; es hatte sich während der Sintflut vor einigen Jahrtausenden auf die Erde niedergeschlagen. Heute enthält die Atmosphäre fast gar keinen Wasserdampf. Doch selbst der Psalmist - viele Jahrhunderte später - erinnert sich an die frühere Existenz der Hülle (PSALM 29:10).

Noah trat aus der Arche in eine nagelneue Welt - nicht mehr Wasser als Land nach vierzig Tagen Regen. Die Söhne Noahs, die nun nicht mehr durch feindselige "Riesen" bedroht wurden, fanden eine neue Bedrohung vor - eine zunehmend ernster werdende klimatische Ordnung ohne die schützende vorsintflutliche Hülle.

Von Rad hat mit seiner Auslegung des ersten Buches Mose bestätigt, daß die Sintflut den gesamten Weltraum einbezog. 2. PETRUS 3:5-6 beschreibt ebenfalls, daß beide, der Himmel und die Erde, während der Sintflut gewaltsam neu geordnet worden sind, und Vers 7 liefert dann die genaueste neutestamentliche Darstellung der zukünftigen allumfassenden Zerstörung durch Feuer.

Uns ist trotzdem eine herrliche Hoffnung gegeben. Gott versichert uns in 1. MOSE 9:11,15 nicht nur, daß "es hinfort kein mabbul mehr geben soll, um die Erde zu verderben", sondern Er verspricht auch in OFFENBARUNG 21:1, daß selbst tehom, die ständig drohenden unterirdischen Wasser, eines Tages beseitigt sein werden: "... und das Meer ist nicht mehr."

R. Russell Bixler

Quelle: "Bible Science Newsletter"

  • 1. J.-P. Migne, Patrologia Latina, Vol. XXII, p.695.
  • 2. A.D. White, A History of the Warfare of Science with Theology in Christendom, Vol. I, N.Y.: D. Appleton & Co. (1898), p. 324.
  • 3. F.C. Haber, The Age of the World: Moses to Darwin, Baltimore: The Johns Hopkins Press (1959), p.150.
  • 4. I.N.Vail, The Earth's Annular System, Pasadena: Annular World Co, 4th
  • 5. J.C. Dillow, The Waters Above, Chicago: Moody Press (1981), p. 247f
  • 6. S.R. Driver, The Book of Genesis, London: Methuen (1904), p.4.
  • 7. von Rad, Genesis, Philadelphia, Westminster (1961), p.124; Cf. F. Delitzsch, A New Commentary on Genesis, Edinburgh: T.&T. Clark (1888), p. 78
  • 8. F. Brown, S.R. Driver and S.A. Briggs, A Hebrew and Englisch Lexicon of the Old Testament, Oxford: The Clarendon Press (1907) (reprinted 1959), p. 550.