Nimm mein Leben

Aus „Leite, freundlich Licht...“ (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „This England“)

Frances Ridley Havergal (1836 – 1879)

Gelegentlich hat man das Vorrecht, jemanden zu treffen, der „zu gut‘‘ für diese trübe Welt ist – jemand, der freundlich und mitfühlend ist und dem vergängliches Vergnügen und das Streben nach materiellem Gewinn nichts bedeuten. Statt dessen ist das ganze Leben dieser Person von der Liebe des Herrn durchflutet, durch die ihre Persönlichkeit erstrahlt. Frances Ridley Havergal war so eine Person.

Sie wurde in Worcestershire 1836, ein paar Monate vor Queen Victorias Regierungsantritt geboren. Sie war ein übermütiges und liebevolles Kind mit einem goldenen Wuschelkopf. Sie hielt sich viel in der freien Natur auf und entwickelte großes Wissen und tiefe Liebe zur Natur. Frances war eine aufgeweckte Schülerin. Mit sieben Jahren fing sie an, ihre eigenen Hymnen zu schreiben. Weil sie das musikalische Talent ihres Vaters geerbt hatte, schrieb sie auch schon bald ihre eigene Musik dazu.

Im Jahre 1848 starb Frances geliebte Mutter nach langer Krankheit. Kurz vor ihrem Tod sagte sie zu ihrer Tochter: „Frances, bete zu Gott, daß Er dich für alles vorbereitet, was Er für dich geplant hat.“ Frances vergaß diese Worte nie und sagte später, daß dieses Anliegen zu einem „lebenslangen Gebet“ für sie geworden war.

Frances las sehr viel, aber nur innerhalb der engen Begrenzung, die gemäß dem äußerst puritanischen Geschmack ihres Vaters zugelassen war. Die Bibel war das einzige Buch, das er wirklich zuließ. So konnte Frances die Bibel praktisch auswendig. Ob Frances gegen ihre strenge Erziehung rebellierte und sich grämte, ist nicht bekannt. Stattdessen scheint sie die perfekte Vikarstochter gewesen zu sein und ergab sich mit ganzem Herzen der Philanthropie. Sie gründete Sonntagsschul- und Bibelklassen und bewegte sich in der Gemeinde, um zu helfen, wo immer sie konnte. Sie betrachtete sich als „Magd für alle Arbeit im Haushalt Gottes.“

Anfang 1874 machte Frances einen 5-tägigen Besuch bei Freunden. Es waren ungefähr 10 Leute dort. Einige waren ungläubig und andere waren lauwarme Christen. Sie betete, daß jeder im Haus den Segen des wahren Glaubens bekäme. Ihr Gebet wurde erhört. In der letzten Nacht ihres Besuches wurde sie von der Gouvernante der beiden Töchter des Hauses geweckt. Diese waren sehr aufgeregt und verwirrt. Frances sprach mit ihnen, und plötzlich wurden auch sie ernsthafte Gläubige.Frances war so glücklich, daß sie nicht schlafen konnte. Die Worte einer Hymne formten sich wie von selbst in ihrem Kopf bis hin zur Schlußzeile: „Ewig, einzig, völlig Dein!“

Nimm mein Leben! Jesu, Dir
übergeb ich's für und für.
Nimm Besitz von meiner Zeit;
jede Stunde sei Dir geweiht!

Nimm Du meine Hände an,
zeig mir, wie ich dienen kann;
nimm die Füße, mach sie flink,
Dir zu folgen auf den Wink!

Nimm die Stimme, lehre mich
reden, singen nur für Dich;
nimm, o Herr, die Lippen mein,
lege deine Worte drein!

Nimm mein Gold und Silber hin,
lehr mich tun nach deinem Sinn;
nimm die Kräfte, den Verstand
ganz in deine Meisterhand!

Nimm, Herr, meinen Willen Du,
daß er still in deinem ruh‘;
nimm mein Herz, mach es hier schon
Dir zum Tempel und zum Thron!

Nimm Du meiner Liebe Füll;
Jesu, all mein Sehnen still;
nimm mich selbst und laß mich sein
ewig, einzig, völlig Dein!

(deutsch von Dora Rappard 1842-1923)