Montanismus

Das Studium der Gründe für Mißerfolg und Fehler ist fast immer die entscheidende Stufe zum letztendlichen Sieg und Erfolg. Die Kirche kann viele Lektionen aus den verschiedenen Irrtümern hinsichtlich Lehre und Praxis lernen, die zu bestimmten Zeiten ihrer Geschichte auflebten: während sie zugleich Gott für die wunderbare Weise preisen kann, mit der Er Seine Wahrheit in all dem Wirrwarr von Jahrhunderten menschlicher Unvollkommenheit bewahrte.
 

Wir sind überzeugt, daß sich ein kurzes Studium der montanistischen Ketzerei des zweiten Jahrhunderts wahrscheinlich gerade jetzt als sehr nützlich erweist. Wir scheinen in der Tat fast dazu gezwungen, wenn bestimmte Gegner des kostbaren gnädigen Spätregens, des Ausgießens des Heiligen Geistes, schlichtweg behaupten, daß die Pfingstbewegung lediglich ein Wiederaufleben des Montanismus sei.

Montanus, geboren in Ardaban, trat in Phrygien, Kleinasien, ungefähr 150 n.Chr. als Prophet und Reformer des Christentums in Erscheinung. Das praktische Ziel und der Zweck der Bewegung, die er gründete, war die Reformation der Korruption in der Kirche. Als die hervorstehenden Merkmale des Montanismus stellten sich jedoch bald Visionen und Prophezeiungen heraus, die in einem Zustand der Bewußtlosigkeit und Ekstase empfangen wurden. Zwei Frauen, Maximilla und Priscilla, die genauso schlafwandlerisch wurden und prophezeiten, gesellten sich zu Montanus; und die Bewegung verbreitete sich rapide. Sie entwickelte schnell höchst ernste und gotteslästerliche Irrtümer in der Lehre, so daß Montanus am Ende tatsächlich behauptete, der von unserem Herrn verheißene Mittler zu sein, der die Kirche in alle Wahrheit leiten sollte JOHANNES 16:13.

Solche gewaltigen Irrtümer und gefährlichen Täuschungen riefen die christlichen Führer Kleinasiens auf den Plan, die gehörig gegen die als ketzerisch erkannte Sache protestierten. Mehrere Synoden sprachen sich dagegen aus (ungefähr 170 n.Chr.), und die Verbreitung der Ketzerei wurde glücklicherweise aufgehalten.

Gereinigt von vielen Ausschweifungen und Irrtümern, bestand eine gesündere Form des Montanismus im Westen fort, und zu ihren Anhängern und fähigsten Verfechtern zählte der große Tertullian - "der bedeutendste christliche Lehrer seiner Zeit im Westen".

Jedem, der ernsthaft darüber nachdenkt, muß die Frage in den Sinn kommen, ob der Montanismus wirklich zumindest ein gewisses Maß eines realen Wirkens des Heiligen Geistes beinhaltet, gemäß der echten geistlichen Gaben, die im Neuen Testament beschrieben sind, und einen göttlichen Versuch darstellt, den Mißbrauch innerhalb der Kirche zu reformieren - oder ob er vollständig das Produkt eines unwissenden Fanatikers oder, vielleicht noch schlimmer, eine von dämonischen Mächten organisierte Täuschung war.

Wir meinen, daß die Antwort beinahe zwangsläufig von persönlichen Vorurteilen und Standpunkten gefärbt sein muß. Die intellektuell höheren Kritiker von heute lehnen den Montanismus als "Traum eines ungebildeten Fanatikers" ab. Die "fundamentalistischen" Lehrer, die sich aus der Dämonologie ein Hobby machen und Gläubige von jeglicher Form des Übernatürlichen in ihrer christlichen Erfahrung verscheuchen, werden die ganze Angelegenheit täuschenden Geistern zuschreiben. Man ist trotzdem von zwei Tatsachen zu Gunsten des Montanismus beeindruckt, die ursprünglich zumindest etwas Wahrhaftiges des Heiligen Geistes hatten: (a) dessen anerkannte Absicht, Mißbrauch zu reformieren; "ihre moralische Ernsthaftigkeit und Eifer gegen Weltlichkeit, Hierarchien und falsche Geistlichkeit leisteten der Kirche einen wichtigen Dienst" (Kurtz); (b) die Tatsache, daß die Bewegung einen Mann wie Tertullian, den ersten und größten Lehrer der theologischen Schule in Nordafrika, als Anhänger gewann, "der sich durch Realismus und praktische Veranlagung auszeichnete". Sicherlich kaum der richtige Boden für ein großangelegtes Täuschungsmanöver durch bloßen Fanatismus oder gar durch dämonische Mächte!

 Wir wollen keine Entschuldigung für das unverzeihliche Ausmaß an Irrtümern vorbringen, die Montanus selbst aufbrachte: Diese dienen nur als Warnung, die wir jetzt zur Beantwortung der Frage in Betracht ziehen werden, wo für inspirierte Bewegungen immer eine Gefahr besteht.

Doch wer kann sagen, daß nicht doch etwas von Gott im Montanismus vorhanden gewesen sein könnte? Eine Wiedergeltendmachung der schwächer werdenden Stellung, die der inspirierte Dienst durch geistliche Gaben in der frühen Kirche ursprünglich innehatte; eine andere Methode und Stimme, durch die der Herr die rapide abfallende Kirche zu ihrer ersten Liebe und ihren ersten Erfahrungen zurückzurufen versuchte, als Sein Geist sich in offensichtlicher Herrlichkeit und Kraft bewegte.

Was veranlaßte die Anhänger des Montanismus dazu, so weit vom rechten Weg abzuirren? Wir meinen, daß die Antwort zweifellos folgende sein muß: Der übertriebene Nachdruck und die Autorität, die den "prophetischen" Äußerun-gen und Visionen beigemessen wurden. Dies wurde schnell das herausragende Merkmal der ganzen Bewegung. Der Montanist rühmte sich der Reinheit seiner Lehre, aber diese hing immer von der Gnade eines Propheten mit einer neuen "Offenbarung" ab.

Wenn die Äußerungen und Visionen dieser Propheten in den Augen ihrer enthusiastischen Anhänger erst einmal mit einem Grad der Inspiration bekleidet war, der als unfehlbar angesehen wurde - wurde die Möglichkeit für Irrtümer und Täuschung schlichtweg unkalkulierbar. Satan mag niemals zufrieden gewesen sein, bis zu dem Punkt, wo er der menschlichen Schwachheit erlaubt, ihrer ganzen Torheit und ihrem Stolz freien Lauf zu lassen. Doch nun konnte er nur zu offensichtlich einen Kanal benutzen, durch den er unermeßlichen Schaden bewirken konnte. Das Versagen so vieler Inspirationsbewegungen in der Kirchengeschichte ist ein trauriger Bericht über dieses Prinzip des Irrtums.

Schnell stellte sich Stolz in erstaunlichem Maße ein. Montanus und seine direkten Nachfolger begannen sehr bald als einen ihrer fundamentalen Grundsätze zu lehren, daß die göttliche Offenbarung durch Christus und Seine Apostel nicht die volle Größe erreicht hatte. Dies wäre nur die Zeit der Jugend gewesen. Es bedürfe der Offenbarung durch die montanistische Bewegung, um die volle Mannesreife zu erlangen! Als erst einmal der Anker, der Akzeptanz des Alten und Neuen Testaments als die komplette göttliche Offenbarung, verworfen war, wunderte es nicht, daß das Schiff schnell auf die Felsen des hoffnungslosen Irrtums und der Überspanntheit zusteuerte.

Wir akzeptieren von Herzen den Grundsatz, daß "der Herr noch mehr Licht und Wahrheit aus Seinem Wort hervorbrechen lassen will", doch möchten wir betonen, daß dies etwas völlig Anderes ist als der Versuch, mehr Licht zu bekommen, indem man Seinem Wort etwas hinzufügt. Wir glauben, daß der gegenwärtige Dienst des Heiligen Geistes nicht darin besteht, dem Komplex der geschriebenen Offenbarung etwas hinzuzufügen, sondern die Schätze göttlicher Offenbarung, die in der Heiligen Schrift enthalten sind, zu enthüllen.

Die Wurzel des Irrtums des Montanismus und jeder ähnlichen Bewegung, die prophetische Äußerungen auf eine Ebene mit der Schrift setzt oder gesetzt hat, ist die falsche Auffassung der wahren Natur der geistlichen Gaben. Diese Auffassung kleidet Äußerungen durch geistliche Gaben mit einer Autorität und Bedeutung, die sie nicht haben. Der Irrtum mag in aller Aufrichtigkeit geschehen, doch ist er deshalb nicht weniger schädlich. Er kann in der Theorie von denen begangen werden, die jede praktische Erfahrung dieser Dinge zurückweisen, und kann sie in ihrer Lehre ebenso weit in die Irre führen wie andere in der Praxis.

Ein sorgfältiges Studium des Neuen Testaments wird offenbaren, daß die frühe Kirche NIEMALS Äußerungen ihrer Propheten auf eine Ebene mit der Schrift setzte. Beachte besonders den charakteristischen Ausdruck, der in 2. PETRUS 1:20 gebraucht wird, um letzteres zu beschreiben - "Weissagung in der Schrift." Betrachte noch einmal die Entscheidung in APOSTELGESCHICHTE 15:28, wo das Problem NICHT dadurch gelöst wurde, daß man sich auf die anwesenden anerkannten Propheten (Barnabas, Judas, Silas etc.) berief, sondern auf die alttestamentlichen Schriften. Die Unfehlbarkeit der Propheten wird in der frühen Kirche klar bestritten 1. KORINTHER 14:29.

Wird nun dadurch unsere Auffassung von der Natur der geistlichen Gaben so herabgesetzt, daß sie für uns nicht mehr wert sind als gewöhnliche Naturtalente? Nicht im geringsten. Sie sind immer noch übernatürlich. Bis zum heutigen Tag bleiben sie die von Gott bestimmte Manifestation des Heiligen Geistes in und durch die Kirche siehe 1. KORINTHER 12:7-11. Ihre Grundlage ist eine echte Eingebung, aber diese Eingebung befindet sich nicht auf einer Ebene mit den Eingebungen der Schrift.

Tatsächlich macht diese richtige Auffassung der wahren Natur der geistlichen Gaben den Weg frei für die Anerkennung ihrer unveränderten Stellung und ihres Wertes innerhalb des christlichen Glaubenssystems. Denn sie beseitigt den falschen Gedanken, daß mittels dieser Gaben der Heilige Geist der Kirche die neutestamentlichen Schriften gab, und daß sie mit der Vollendung des Kanons aufhörten, weil sie nicht mehr länger notwendig waren. Der wahre Zweck geistlicher Gaben ist vielmehr, mit der lebendigen Kraft des ewigen Geistes die Wahrheit anzuwenden, die für alle Generationen im Heiligen Buch bewahrt ist. Im Licht eines solchen Verständnisses kann man klar erkennen, wie falsch der Gedanke ist, daß sie das Vorrecht einer einzigen Generation sein sollten.

Ist es gerechtfertigt, einen Vergleich zwischen dem Montanismus und der Pfingstbewegung zu ziehen? Wir meinen, daß dies sicherlich nicht geht, wenn man sich mit den Gruppen der Bewegung befaßt, die der Schrift treu geblieben sind. Für die anderen wollen wir die Verteidigung nicht übernehmen. Doch die Assemblies of God stehen wie ein Fels fest für jede fundamentale Wahrheit der biblischen Offenbarung ein; sie lehnen fanatische Ausschweifungen jeglicher Gestalt und Form ab; sie erheben prophetische Äußerungen nicht auf die Ebene der Schrift, erfreuen sich jedoch am Gebrauch geistlicher Gaben in ihrer Gemeinde mit einer vernünftigen und ausgewogenen Sicht im Hinblick auf ihren wahren Platz im Leben der Gemeinde, wie von ihrem großen Oberhaupt bestimmt, bis Er wiederkommt. Und das "Vollkommene" wird kommen, wenn wir Ihn "von Angesicht zu Angesicht" sehen. Dann werden sie Seinem Worte gemäß 1. KORINTHER 13:8-12 aufhören, doch nicht vorher.

von Donald Gee

(Donald Gee diente als Herausgeber von R.T. und war später als Rektor der Bibelschule tätig. Dieser Artikel erschien erstmals in R.T. im Dezember 1928.)

Quelle: Redemption Tidings, 26.4.1984