Medizin

Schwangerschaft + Alkohol = Probleme

Sogar mäßiges Trinken kann Schädigungen am Fötus verursachen

Einige Babys riechen nach Puder, andere nach billigem Wein. Eine schwangere Frau, die eine starke Trinkerin ist, kann ihre Flaschen verstecken, aber im Kreißsaal kann sie nicht das ernsthaft unterentwickelte Kind zurückhalten, welches oft in durchdringend riechendes Fruchtwasser getaucht ankommt, das in Wirklichkeit eine 80prozentige Marinade ist.

Die Reihe von körperlichen und geistigen Mängeln, die die Ärzte Fetales Alkohol-Syndrom (FAS) nennen, war seit alttestamentlichen Zeiten ein bekannter Fallstrick für Schwangerschaften, als nämlich Samsons Mutter von einem Engel gewarnt wurde, sie solle Wein vermeiden, während sie ihr ungeborenes Kind austrägt. Jetzt kommt die schlechte Nachricht, daß schwangere Frauen ihr ungeborenes Kind schädigen können, wenn sie während der Schwangerschaft auch nur mäßig trinken. Der Konsum großer Mengen an Alkohol kann sich in geistigem Zurückgebliebensein, Verkrümmung der Wirbelsäule und Gesichtsanomalitäten des Fötus auswirken; mäßiger bis geringer Alkoholgenuß kann ein Kind hervorbringen, das Gemütsprobleme hat, unter Schlaflosigkeit leidet und das chronisch den Anforderungen in Schule und Beruf nicht gewachsen ist. Diese weniger heftige Form von FAS, bekannt als Fetaler Alkohol-Effekt (FAE), kann offensichtlich durch ein einziges "Hurra-ich-bin-schwanger"-Glas Champagner in gewissen kritischen Entwicklungsstadien hervorgerufen werden.

Ernsthafte Forschungen auf diesem Gebiet haben gerade erst begonnen, aber in Amerika wird das Trinken während der Schwangerschaft als eine der Hauptursachen für geistiges Zurückgebliebensein eingestuft. Letztes Jahr kamen auf 1000 Neugeborene eines bis drei mit der Diagnose "Vollentwickeltes FAS", und Dr. Kenneth Lyons Jones, ein führender Forscher auf diesem Gebiet, schätzt, daß zehn Prozent der Babys von "Gelegenheitstrinkerinnen" alkoholbezogene Probleme haben können. Durch eine kürzliche Studie der Psychologin Ann Streissguth von der Universität Washington wurde herausgefunden, daß Frauen, die durchschnittlich ein bis zwei alkoholische Getränke während der ersten zwei Schwangerschaftsmonate zu sich nahmen, Kinder bekamen, welche langsam reagierten und Konzentrationsschwierigkeiten hatten.

Der Schlüssel zum Verständnis des Problems, sagt Michael Dorris, Professor für Anthropologie aus Dartmouth, der in einem neuen Buch mit dem Titel "The Broken Cord" (dt. "Die zerrissene Schnur") (300 Seiten. Harper & Row. $18.95) über die Erfahrungen geschrieben hat, wie man ein FAS-Kind großzieht, liegt darin zu erkennen, daß jeglicher Alkohol, den eine Mutter zu sich nimmt, in den Blutkreislauf des Fötus gelangt, der dann sofort betrunken wird. "Die entscheidende Frage", sagt er, "ist: Wenn du deinem Kind keine Flasche Gin am Tag nach der Geburt geben würdest, warum dann einen Tag davor?"

Dorris ist kein Angstmacher oder Moralapostel, sondern nur der Adoptivvater eines jetzt 21jährigen Mannes, der Schwierigkeiten beim Schuhebinden hat. "The Broken Cord" ist die bewegende Geschichte über die langsamen Fortschritte, die sein Sohn Adam im Leben macht und den persönlichen Erfolg des Autors, eine Familie um sein verhaltensgestörtes Kind herum aufzubauen. Seit 1981 ist Dorris mit der Romanschriftstellerin Louise Erdrich verheiratet, mit der er drei eigene und zwei weitere adoptierte Kinder hat. Aber er war ein alleinstehender Junggeselle, als er Adam 1971 adoptierte, einen 3jährigen Sioux-Indianerjungen. Dorris, selbst ein halber amerikanischer Ureinwohner, wurde gewarnt, daß Adam zu klein und langsam war, das vernachlässigte Opfer von alkoholabhängigen Eltern gewesen war und er es "versäumt hatte zu gedeihen". Aber Dorris war sich sicher, daß er den Jungen wieder zur Normalität erziehen könnte.

Es gibt jedoch keinen Weg, den Schaden wiedergutzumachen, der einem FAS- oder FAE-Kind in der Gebärmutter zugefügt wurde. Adam, ein schönes, aber seltsames Kind, verband von Anfang an ein minimales Vokabular mit einem riesigem Empfinden für Zuneigung. Er war extrem dünn, zeigte absolut kein Interesse für die Erziehung zur Sauberkeit und hatte schließlich noch eine Neigung zu epileptischen Anfällen. Ärzte und Psychologen rund um Dartmouth konnten das Problem nicht bezeichnen, aber als Dorris einem Familienberater, der mit amerikanischen Ureinwohnern arbeitete, ein Foto von Adam zeigte, warf der Mann nur einen Blick auf den kleinen Kopf des Jungen, die flache Nase und die matten Augen - und sagte: "FAS, hm?" Es verwundert nicht, daß Dorris in einem indianischen Reservat anfing, über das Leiden zu lernen. Aus Gründen, die mit Erbfaktoren, Druck von Gleichaltrigen und Armut zu tun haben, haben die Ureinwohner Amerikas eine fünfmal höhere Alkoholikerrate als die Gesamtbevölkerung, und gemäß einiger Schätzungen zeigen ein Viertel der Kinder, die in einem Reservat geboren wurden, Anzeichen von fetalem Alkoholeffekt. Die Situation dort ist sogar noch trüber, als es auf den ersten Blick aussieht, sagt Dorris, denn Mädchen mit dem angeborenen "schlechten Urteilsvermögen", das FAE-Opfer kennzeichnet, "können die Botschaft, nüchtern zu bleiben, wenn sie schwanger sind, einfach nicht verstehen." Um den Kreislauf zu durchbrechen, der die Anzahl der FAE- Betroffenen exponentiell anwachsen läßt, haben einige Reservate (die nicht völlig durch die Einschränkungen der U.S.-Verfassung gebunden sind) angefangen, schwangere Frauen einzusperren, die sich weigern, mit dem Trinken aufzuhören - eine Maßnahme, die Dorris und seine ebenfalls halbindianische Ehefrau stark unterstützen.

Muttermilch: Wenn das Problem außerhalb des Reservats nicht so ernst ist, dann liegt das nicht daran, daß es dort mit größerer Intelligenz behandelt wird. Viele Ärzte, die vor Jahren ausgebildet wurden und nicht mit den Forschungen Schritt gehalten haben, erzählen den Frauen immer noch, abends ein bis zwei alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, sei ganz in Ordnung. Und einige noch immer im Umlauf befindliche, altmodische Literatur der La-Leche-Liga ermutigt stillende Frauen, Bier zu trinken, um den Muttermilchfluß zu steigern - obwohl der darin enthaltene Alkohol sogar die Entwicklung des Kindes schädigen kann. Trotz alledem bleibt Dorris optimistisch. Für Adam, der fähig ist, außerhalb seines Zuhauses zu leben und eine Reihe von Tellerwäscherjobs mit nur beschränktem Erfolg zu halten, kann nicht viel getan werden. Und doch meint der Autor, daß im Gegensatz zu AIDS und anderen schweren Funktionsstörungen FAS und FAE durch Erziehung theoretisch total verhütet werden können. Tatsächlich wird ab November ein Bundesgesetz vorschreiben, daß alle alkoholischen Getränke eine Warnung in bezug auf Geburtsfehler und vor anderen Gefahren des Trinkens haben müssen.

Eine Sache, die Dorris jedoch gelernt hat, ist, daß viele Menschen ihre eigene, sehr intime Beziehung zum Alkohol haben, in die sie jede Einmischung übelnehmen. In "The Broken Cord" erzählt er, wie er in einem Flughafenrestaurant zufällig hörte, wie eine schwangere Frau sich einen Martini bestellte und er sie bat, sich das noch einmal zu überlegen. Sie erwiderte, das ginge ihn nichts an, und als dann das Getränk kam, lächelte sie sarkastisch in seine Richtung und sagte: "Prost."

von Charles Leerhsen

und Elizabeth Schaefer

Quelle: ‘Newsweek’, August 21, 1989