Gottes Wege mit uns

"Des Herrn Rat ist wunderbar, und er führt es herrlich hinaus" JESAJA 28:29

David sagt in einem Psalm: "Ehe Du mich demütigtest, Herr, da irrte ich, nun aber halte ich dein Wort. Ich danke dir, Herr, daß Du mich treulich gedemütigt hast, denn wenn du mich demütigst, machst du mich groß."

Was David hier sagt, das ist die allgemeine Erfahrung aller Kinder Gottes, das ist die allgemeine Regel im Himmelreich: Kein Mensch kann Gottes Gnade empfangen, er werde denn zuvor gedemütigt. Will Gott einen Menschen segnen, so muß Er ihn zuvor züchtigen; will Gott einen Menschen zum Himmel erheben, so muß Er ihn zuvor in die Hölle hinabstürzen; will Jesus eines Menschen Herz erfüllen mit Gnade, Friede und Freude im Heiligen Geist, so muß zuvor Johannes kommen und dem Herzen des Menschen Buße predigen.

Warum das? Jeder Mensch ist ein Sünder, und jeder Sünder ist hochmütig. Bei einem hochmütigen Menschen kann aber Jesus nicht wohnen, kein Mensch ist Ihm so verhaßt, keiner ist Ihm so in der Seele zuwider, keiner ist Ihm so durch und durch zum Ekel wie der Hochmütige. Darum muß das hochmütige Herz des Menschen zerschlagen, geängstet und zerbrochen werden durch die Predigt der Buße, und erst wenn durch die aufrichtige Buße das hochmütige Herz des Menschen demütig geworden ist, dann kann der Herr einkehren; denn wie Er den Hoffärtigen widersteht, so gibt Er den Demütigen Gnade.

LUDWIG (LOUIS) HARMS (1808-1865)LUDWIG (LOUIS) HARMS (1808-1865) wirkte über 20 Jahre als Prediger in Hermannsburg/Lüneburger Heide. Unter seiner vollmächtigen Verkündigung kam es zu einer Erweckung und im Anschluß daran ab 1853 zur Aussendung von Missionaren, die als Vertreter der sog. Hermannsburger Mission - vor allem in Südafrika und Indien tätig wurden.

So sehen wir es bei all denen, die in Gottes Reich etwas gelten und Kinder des Allerhöchsten genannt werden können. Seht den frommen Joseph an,es geht mit ihm aus einer Demütigung in die andere, der liebe Gott legt es ordentlich darauf an, ihn zu zerschlagen und recht mürbe zu machen. Vierzehn Jahre lang tut Gott nichts als auf ihn losschlagen, er muß seinen Brüdern ein Greuel und Dorn im Auge sein, muß ein ägyptischer Sklave werden, muß als ein Ehebrecher und Missetäter im Gefängnis liegen und selbst von denen verraten, verlassen und vergessen werden, denen er Wohltaten erwiesen hat. Da erst verwandelt Gott die Schmerzenstränen in Freudentränen und läßt ihm Gnade widerfahren.

Oder seht Mose an, den treuen Knecht Gottes. Als er ein hochmütiger Königssohn war, konnte Gott ihn nicht gebrauchen. Aber als der hochmütige Königssohn in der Wüste Midian vierzig Jahre lang zertreten und gedemütigt war, daß er sich für nichts mehr hielt als einen armen unwürdigen Sünder, der zu nichts mehr taugte, da erhob ihn der Herr und machte ihn zum Haupte Israels und zum Fürsten über Sein Volk.

Oder seht David an. Dem steckten die Pfeile Gottes so tief im Herzen, und Gott machte ihn so klein, daß er ausrief in der Angst seiner Seele: "Herr, Du legst mich ja in des Todes Staub, Du stößt mich hinunter in die Hölle, ich bin ein Wurm und kein Mensch, meine Gestalt ist vergangen vor Traurigkeit und ist alt geworden, weil ich allenthalben geängstet werde, meine Augen sind dunkel geworden vor Weinen, daß ich nicht sehen kann, denn meine Sünden gehen über mein Haupt, wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden." Diesen gedemütigten und zerschlagenen David nennt Gott einen Mann nach Seinem Herzen, den lehrt Er, später Freudenpsalme zu singen: "Herr, du erhöhst meine Füße auf einen Fels, Du erquickst mich mit Freuden von Deinem Angesicht. Lobe den Herrn, meine Seele, denn der Herr tut dir Gutes, ich werde ewiglich bleiben vor ihm, denn meine Sünde ist mir vergeben, und meine Missetat ist bedeckt, daß ich jauchzen muß!"

Und so ist es im Neuen Testament auch. Petrus wird erst ein Fels, nachdem er bitterlich geweint hat. Saulus wird erst ein Paulus, nachdem er drei Tage lang und drei Nächte lang vor innerer Seelenqual nicht gegessen und getrunken hat; erst als er gelernt hat, daß er der vornehmste unter allen Sündern ist, erst als er ausgerufen hat: "Ich armer, elender, sündiger Mensch, wer wird mich erretten von dem Leibe des Todes!", da lehrt ihn der Herr jauchzen: "Ich freue mich in dem Herrn und bin überschwenglich in Freuden, denn mir ist Barmherzigkeit widerfahren, ich habe Gnade gefunden, hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit!"

Daraus erkennt, warum uns der Herr in Buße, Trübsal und Anfechtung führt. Gerade weil Er im Sinne hat, uns mit Freuden bis in den Himmel zu erheben, muß Er uns erst demütigen; gerade weil Er alle himmlische Gnade und allen himmlischen Frieden über uns bringen will, muß Er uns erst züchtigen und zerschlagen. Darum schickt Er uns Seine Bußprediger, die Ihm den Weg zu unserem Herzen bereiten sollen.

Und deshalb merket wohl: Je tiefer ihr euch demütigt vor dem Herrn in rechtschaffener Buße, je williger ihr euch zerschlagen und den alten hochmütigen Adam zertreten laßt durch das Wort des Herrn, je aufrichtiger ihr Bußtränen weint vor dem Herrn, desto voller wird euch der Freudenbecher eingeschenkt von der Hand des Herrn. Darum wollen wir in rechtschaffener Buße uns demütigen vor dem Herren, auf daß wir dann in seliger Freude jauchzen können, wenn Seine Gnade unser Herz durchströmt und überflutet: "Dies ist der Tag, den der Herr macht, laßt uns freuen und fröhlich darin sein!" Amen.

Ludwig Harms

Quellennachweis: L. Harms, Gottes Wege mit uns, in Brosamen aus Gottes Wort, 2. Auflage Hermannsburg (1893), Seiten 299 - 302.