Geschichte der Pfingstbewegung

„Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen; eure Ältesten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen; auch will ich zur selben Zeit meinen Geist ausgießen über Knechte und Mägde“ (JOEL 3:1-2).

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Winde und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu reden in anderen Zungen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen“ (APOSTELGESCHICHTE 2:1-4).

Pioniere der Pfingstbewegung

John Alexander Dowie

John Alexander DowieJohn Alexander Dowie Die Pfingstbewegung entwickelte sich aus der Heiligungsbewegung des späten 19. Jahrhunderts. Diese Erweckungsbewegung war Ausdruck der sowohl sozialen als auch theologischen Unzufriedenheit innerhalb der Unter- und Mittelschicht des Volkes. Die Heiligungsanhänger mißbilligten die Gottlosigkeit der traditionellen Konfessionen sowie den zunehmenden Reichtum und die mangelnde Schlichtheit der Kirchen. In ihrer Unzufriedenheit gründeten sie neue religiöse Gemeinschaften, die es sich zur Aufgabe machten, Vollkommenheit in Christus anzustreben. Ehemalige Methodisten, Presbyterianer und Baptisten erlebten eine erneute Ausgießung des Heiligen Geistes, genau wie sie die Urgemeinde erstmals in der Apostelgeschichte erfuhr. Die Heiligungsbewegung erzeugte einen Hunger nach der Taufe im Heiligen Geist (dem Empfangen von göttlicher Kraft) sowie nach anderen der neutestamentlichen Kirche verheißenen Geistesgaben, wie z.B. Heilung und Prophezeiung.

Der populäre presbyterianische Pastor Edward Irving aus London setzte sich im 19. Jahrhundert für die Wiedereinsetzung der geistlichen Gaben bzw. Charismen in der modernen Kirche ein. Den ersten Versuch einer „charismatischen/geistlichen Erneuerung“ seiner Regents Square Presbyterian Church leitete Irving im Jahre 1831. Obwohl die Gabe der Zungen und der Prophezeiung in seiner Kirche angewendet wurden, blieb Irvings Versuch, das neutestamentliche Christentum wiederherzustellen, erfolglos. Schließlich versuchte die von seinen Anhängern gegründete „Katholisch-apostolische Kirche“ den „fünffältigen Dienst“ (der Apostel, Propheten, Evangelisten, Pastoren und Lehrer) in Ergänzung zu den Geistesgaben wiedereinzuführen. Irvings Hinweis auf das Sprechen in Zungen als das erste Zeichen für die Taufe im Heiligen Geist bzw. für den Empfang des Heiligen Geistes wurde zum Kerngedanken der späteren Pfingstler. Heiligungsprediger wie Charles Cullis, John Alexander Dowie und Albert B. Simpson errichteten überall in den Vereinigten Staaten Heilungsmissionen. Sie glaubten – wie viele andere Heiligungsanhänger –, daß ein neues Zeitalter des Geistes und der Wunder angebrochen war, welches mit der Wiederkunft Christi enden würde.

Albert B. Simpson

Albert B. SimpsonAlbert B. Simpson Ein weiterer Vorläufer der Pfingstbewegung war die Keswick-Bewegung „Higher Life“, die nach 1875 in England aufblühte. Diese Bewegung, welche zunächst von amerikanischen Heiligungspredigern wie Hannah Whitall Smith und William E. Boardman angeführt wurde, setzte einen Schwerpunkt auf die „Zurüstung zum Dienst durch geistige Kraft”. Vor dem amerikanischen Pfingsterwachen im Jahre 1901 hatte es somit für mehr als ein Jahrhundert Bewegungen gegeben, die die Erfahrung der sogenannten „Taufe im Heiligen Geist“ betonten, deren Wesen und Auswirkungen jedoch unterschiedlich interpretiert wurden. In Amerika bereicherten Keswick-Lehrer wie A.B. Simpson und A.J. Gordon die gesamte Bewegung mit der Botschaft der „im Sühneopfer liegenden“ göttlichen Heilung sowie der Entrückung der Kirche vor dem Tausendjährigen Reich.

Ursprünge der Pfingstler des 20. Jahrhunderts

Charles F. Parham

Charles F. ParhamCharles F. Parham Die ersten „Pfingstler“ im modernen Sinne stammen aus einer Bibelschule in Topeka (Kansas), die von Charles Fox Parham, einem Heiligungsprediger und ehemaligen Methodistenpfarrer, geleitet wurde. Im Januar 1901 forderte Parham die Studenten dazu auf, die Heilige Schrift im Hinblick auf den biblischen Beweis für die Taufe im Heiligen Geist zu untersuchen. Unter Bezugnahme auf den Bericht über das Pfingstwunder im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte kam man zu dem Schluß, daß das Sprechen in Zungen die Bestätigung für den Empfang des Heiligen Geistes war. Somit begann die Pfingstbewegung in den ersten Tagen des Jahres 1901, gerade als die Welt in das 20. Jahrhundert eintrat. Die erste Person, die mit dem Heiligen Geist erfüllt wurde, war Agnes Ozman, eine Studentin aus Parhams Bibelschule; genau am ersten Tag des neuen Jahrhunderts, dem 1. Januar 1901, fing sie an in Zungen zu sprechen. Nach J. Roswell Flower, dem ersten Geschäftsführer der Assemblies of God, war Ozmans Erfahrung eine „Berührung, die die ganze Welt spürte“, ein Ereignis, „das die Pfingstbewegung des 20. Jahrhunderts einleitete“.

William J. Seymour

William J. SeymourWilliam J. Seymour Weltweite Aufmerksamkeit erlangte das Pfingstlertum jedoch erst im Jahre 1906 durch die von dem afroamerikanischen Prediger William Joseph Seymour geleitete Erweckung in der Azusa Straße in Los Angeles. In einer von Parham geführten Bibelschule in Houston (Texas) hatte er 1905 von der Taufe im Heiligen Geist erfahren. Nachdem ihm Anfang 1906 das Pastorat einer schwarzen Heiligungsgemeinde in Los Angeles angeboten wurde, eröffnete Seymour im April die historische Versammlung in dem früheren Gebäude der African Methodist Episcopal Church in der Azusa Straße 312 im Zentrum von Los Angeles.

Azusa Mission

Azusa MissionAzusa Mission Die Ereignisse in der Azusa Straße haben die Kirchenhistoriker jahrzehntelang fasziniert und sind bis heute noch nicht vollends versteh- oder erklärbar. Über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren hielt die Apostolic Faith Mission (Apostolische Glaubensmission) in der Azusa Straße tagtäglich drei Gottesdienste ab, in denen Tausende von Suchenden den Heiligen Geist empfingen. Die Nachricht von der Erweckung wurde durch die Zeitung The Apostolic Faith (Der Apostolische Glaube) bekannt, welche Seymour kostenlos an rund 50.000 Abonnenten verschickte. Von der Azusa Straße aus verbreitete sich die Erweckung über die gesamten Vereinigten Staaten. Heiligungsprediger der Church of God in Christ (Memphis, Tennessee), der Church of God (Cleveland, Tennessee) und der Pentecostal Holiness Church (Georgia sowie North & South Carolina) waren in Azusa dabei und trugen die Botschaft zurück in ihre Heimatgemeinden.

Die meisten der ersten Pfingstler assoziierten das Sprechen in Zungen nicht so sehr mit geistiger Perfektion, sondern vielmehr mit geistiger Kraft und mit einer zum Dienst notwendigen Salbung. Obgleich ihre Anschauungen und Lehren von unterschiedlicher Natur waren (wesleyanisch, reformiert oder unitarisch), stand im Mittelpunkt der Pfingstler das Retten von Seelen, wobei sie nationale Ereignisse und Politik als gefährliche Ablenkungen ansahen. Doch die frühen Pfingstler waren auch Prohibitionisten sowie Pazifisten (viele verweigerten den Wehrdienst im 1. Weltkrieg), und die ersten Pfingstgemeinden standen oft in Opposition zu den vorherrschenden, modernen Einstellungen gegenüber Reichtum, Erholung und Kleidung.

Der Aspekt der verschiedenen Hautfarben innerhalb der Bewegung in Los Angeles stand in auffälligem Kontrast gegenüber der damaligen Rassenhetze und Segregation. Daß Schwarze und Weiße unter der Leitung eines schwarzen Pastors Gott anbeteten, schien für viele Beobachter unglaublich zu sein. Das Ethos der Versammlungen in der Azusa Straße wurde von Frank Bartleman, einem weißen Teilnehmer, wie folgt umrissen: „Die Rassengrenze war vom Blut Jesu hinweggewaschen.“ In der Azusa Straße waren in der Tat alle ethnischen Minderheiten aus Los Angeles vertreten, eine Stadt, die Bartleman als „das amerikanische Jerusalem“ bezeichnete.

Die erste Welle von „Azusa-Pilgern“ ergriff die gesamten Vereinigten Staaten und entfachte das Pfingstfeuer vor allem in Heiligungsgemeinden, Missionsstationen und auf Zeltversammlungen. Eine zeitlang herrschte die Ansicht, man müsse nach Kalifornien reisen, um den „Segen“ zu empfangen. Doch schon bald empfingen die Menschen den Heiligen Geist, wo immer sie auch lebten.

Die Pfingstbewegung heute

Die Pfingstbewegung ist die bei weitem größte und bedeutendste religiöse Bewegung des 20. Jahrhunderts. Seit ihrem Beginn mit einer handvoll Bibelstudenten in Topeka (Kansas) im Jahre 1901, wuchs die Gesamtzahl der Pfingstler im 20. Jahrhundert beständig an, bis sie im Jahre 1993 zur größten protestantischen Gruppierung avancierten. Im Jahre 2000 gab es schätzungsweise 560 Millionen Pfingstler auf der Welt.

 Quellen : 

  • Vinson Synan, Ph.D., The Origins of the Pentecostal Movement; Oral Roberts University, 7777 S. Lewis Avenue, Tulsa OK 74171, Copyright © 1996 Oral Roberts University
  • Margaret M. Poloma, The Pentecostal Movement
  • Randall J Stephens, Assessing the Roots of Pentecostalism, http://are.as.wvu.edu/pentroot.htm
  • Vinson Synan, The Holiness-Pentecostal Movement in the United States, William B. Berdmans Publishing, Grand Rapids, MI (1971)
  • http://www.agcongress.org/02_news/000807_congress_start.html