Gebet am Sonntagabend

Allgemeine Fragen, die sich jeder ernsthafte Christ selbst stellen möge, bevor er mit seinem Abendgebet beginnt

  1. Mit welchem Grad an Aufmerksamkeit und Eifer war ich bei meinem Morgengebet, sei es in der Öffentlichkeit oder privat?
  2. Habe ich irgend etwas getan, ohne mir in dem Moment oder zumindest vorher dessen bewußt zu sein, daß es direkt oder indirekt zur Ehre Gottes geschieht?
  3. Habe ich am Morgen überlegt, in welcher besonderen Tugend ich mich üben sollte und welche Dinge am Tage zu erledigen sind?
  4. War ich eifrig bei der Sache und war ich so aktiv, wie ich konnte?
  5. Habe ich mich für die Angelegenheiten anderer mehr interessiert, als es die Nächstenliebe erfordert hat?
  6. Habe ich überlegt, bevor ich jemanden besuchte oder besucht wurde, wie ich Vervollkommnung geben bzw. Verbesserung annehmen könnte?
  7. Habe ich irgendjemandes Verfehlungen oder Schuld erwähnt, wo es nicht zum Besten eines anderen war?
  8. Habe ich unnötigerweise andere durch Worte oder Taten verletzt?
  9. Habe ich vor oder während jeder Aktivität bedacht, wie ich sie dazu benutzen könnte, mich in der Tugend dieses Tages zu befleißigen?

Spezielle Fragen, die die Liebe Gottes betreffen

  1. Habe ich einen Teil dieses Tages dafür verwendet, um über Seine Vollkommenheit und Gnade nachzudenken?
  2. Habe ich mich angestrengt, diesen Tag zu einem Tag himmlischer Ruhe zu machen, geheiligt durch göttliche Liebe?
  3. Habe ich jenen Anteil des Tages, der nicht dem Beten, Lesen und Nachdenken gewidmet war, in den Dienst der Werke der Notwendigkeit und der Gnade gestellt?

Oh, mein Vater, mein Gott, ich bin in Deiner Hand; und möge ich mich darüber mehr freuen als über alles andere. Tu mit mir nach Deinem Wohlgefallen, nur laß mich Dich lieben mit all meinem Geist, meiner ganzen Seele und all meiner Kraft.

Ich erhebe Dich, weil Du mir gnädig gewährt hast, in Deine Gemeinde hineingeboren zu sein und gläubige Eltern zu haben. Ich lobe Dich, weil Du mich in Deiner Taufe reingewaschen hast und mich in Deinen Lehren der Wahrheit und Heiligkeit unterweist; weil Du mich durch Deine barmherzige Fürsorge erhältst und mich durch Deinen gesegneten Geist leitest; weil Du mir gemeinsam mit meinen christlichen Brüdern Einlaß gewährst, um im Gottesdienst vor Dir zu warten; und weil Du meine Seele so oft nährst mit Deinem kostbaren Leib und Blut, diesem Pfand der Liebe, das mir Kraft und Trost spendet. Erweise Dich uns gnädig, denen Du an diesem Tag (oder zu einem anderen Zeitpunkt) Zutritt zu Deinem heiligen Tisch gewährt hast. Stärke unsere Herzen in Deinen Wegen gegen alle unsere Versuchungen und mache uns zu "mehr als Überwindern" in Deiner Liebe.

Oh mein Vater, mein Gott, ich flehe Dich an, befreie mich von allen heftigen Leidenschaften: Ich weiß, wie arg zerstörend sie sich sowohl auf Deine Erkenntnis als auch auf Deine Liebe auswirken können. Laß keine einzige einen Weg in mein Herz finden, sondern laß meine Seele immer mit Sanftmut erfüllt sein. Oh, mein Gott, ich begehre, sie mehr zu fürchten als den Tod; laß mich nicht diesen grausamen Tyrannen dienen, sondern herrsche Du in meinem Innersten; laß mich immer Dein Knecht sein und Dich mit all meinem Herzen lieben.

Befreie mich, oh Gott, von zu intensivem persönlichem Einsatz selbst bei notwendigen Angelegenheiten. Ich weiß, wie das meine Gedanken von dem einen Ziel all meines Tuns ablenkt und die lebendige Erkenntnis beeinträchtigt, daß Du an meiner rechten Seite stehst. Ich kenne die Enge meines Herzens und weiß, daß eifrige Aufmerksamkeit für weltliche Dinge keinen Raum übrig läßt für himmlische Dinge. Oh lehre mich, an all meine Beschäftigungen mit einem so wahrhaft freien Herzen zu gehen, daß ich in allem immer noch Dich sehe und Dich erkennen möge als Den, Der beständig auf mich sieht und mich lenkt. Und gib, daß ich niemals jene Freiheit des Geistes schmälere, die für die Liebe zu Dir nötig ist.

Befreie mich, oh Gott, von einem trägen Verstand, von aller Lauheit und von jeglicher Niedergeschlagenheit des Geistes. Ich weiß, diese können meine Liebe zu Dir nur abtöten; befreie mein Herz gnädig von ihnen und schenke mir einen lebendigen, eifrigen, aktiven und fröhlichen Geist, damit ich tatkräftig ausführe, was immer Du befiehlst, dankbar erleide, was auch immer Du für mich wählst, und immer brennend bin, in allen Dingen Deiner heiligen Liebe zu gehorchen.

Befreie mich, oh Gott, von jeglicher abgöttischen Liebe zu irgendeiner Kreatur. Ich weiß, Unzählige gingen Dir verloren, weil sie diese Kreaturen um ihrer selbst willen liebten, die Du erlaubst, nein, sogar befiehlst, in Dir untergeordneter Rangfolge zu lieben. Bewahre mich, ich flehe Dich an, vor solch blinder Zuneigung; sei mir ein Wächter all meiner Wünsche, daß sie sich nicht stärker auf eine Kreatur fixieren, als die Liebe zu ihr bewirkt, meine Liebe zu Dir zu stärken. Du verlangst von mir, Dich mit meinem ganzen Herzen zu lieben; nimm Du dies in Deine Hand, ich flehe Dich an, und sei Du meine Sicherheit, damit ich niemals für irgend etwas mein Herz öffne, außer aus Liebe zu Dir.

Vor allem befreie mich, oh Gott, von aller abgöttischen Selbstliebe. Ich weiß, oh Gott (sei gepriesen für Deine unendliche Gnade, mir diese Erkenntnis zu schenken), daß sie die Wurzel alles Bösen ist. Ich weiß, Du erschufst mich, nicht um meinen eigenen, sondern um Deinen Willen zu tun. Ich weiß, daß das Üble an Satan ist, einen Willen zu besitzen, der im Gegensatz zu Deinem steht. Oh sei Du mein Helfer gegen diesen gefährlichsten aller Götzen, daß ich sowohl alle seine Feinheiten unterscheiden als auch seiner ganzen Anziehungskraft widerstehen kann. Oh Du, Der Du mir geboten hast, mich selbst zu verleugnen, gib mir Kraft, und ich werde Deinem Gebot gehorchen. Meine Wahl und mein Wunsch ist es, mich selbst sowie alle anderen Kreaturen in Dir und für Dich zu lieben. Oh laß Deinen allmächtigen Arm mich so aufrichten, stärken und gründen, daß Du immer Grund und Säule all meiner Liebe sein mögest.

Durch diese Liebe zu Dir, mein Gott, möge meine Seele gewappnet sein gegen ihre natürliche Unbeständigkeit; möge sie dadurch reduziert werden zu völliger Gleichgültigkeit allen anderen Dingen gegenüber und nur ersehnen, was in Deinen Augen wohlgefällig ist. Möge dieses heilige Feuer immer meine Brust erwärmen, damit ich Dir mit all meiner Macht dienen kann; und laß es in meinem Herzen alle selbstsüchtigen Wünsche herausbrennen, damit ich in allen Dingen nicht auf mich, sondern auf Dich sehe.

Oh mein Gott, mach, daß Dein glorreicher Name gebührend geehrt und geliebt wird von allen Kreaturen, die Du erschaffen hast. Hilf, daß Deine unendliche Güte und Größe ständig von allen Engeln und Menschen angebetet werde immerdar. Möge Deine Gemeinde, die allumfassende Schule der göttlichen Liebe, bewahrt werden vor allen Mächten der Finsternis. Oh, gewähre allen, die sich bei Deinem Namen nennen, einen Vorgeschmack Deiner Güte. Mögen sie einmal schmecken und sehen, wie gütig Du bist, auf daß ihnen alle anderen Dinge geschmacklos erscheinen, damit sich ihre Wünsche immer zu Dir aufschwingen mögen, damit sie Dir Liebe erweisen und Lobpreis und Gehorsam, reinen und fröhlichen Herzens, beständig und eifrig, allumfassend und einig, so wie dies die heiligen Engel im Himmel Dir darbringen.

Sende Deinen gesegneten Geist mitten hinein in diese sündigen Nationen, und mache uns zu einem heiligen Volk: Bewege die Herzen unseres Staatsoberhauptes, der königlichen Familie, der Kirchenführer, der Adeligen und aller, die Du über uns gesetzt hast, damit sie glückliche Werkzeuge in Deiner Hand seien und dieses gute Werk vorantreiben mögen. Erweise Dich gütig den Universitäten, dem niedrigen Adel und den gewöhnlichen Bürgern dieses Landes und tröste, die betrübt sind; laß die Prüfung ihres Glaubens Geduld in ihnen bewirken und sie vollkommen machen in Hoffnung und Liebe.

Segne meinen Vater usw., meine Freunde und Verwandten und alle, die zu dieser Familie gehören; alle, die durch ihre Hilfe zu meinem Besten beitragen, ihren Rat, ihr Vorbild oder ihre Schriften; und alle, die nicht für sich selbst beten.

Verändere die Herzen meiner Feinde und schenke mir Gnade, ihnen zu vergeben, so wie Du uns um Christi willen vergibst.

Oh Du Hirte Israels, nach Deinem Wohlgefallen nimm mich heute Nacht und immer in Deinen Schutz; nimm an meinen armseligen Dienst und verzeih seine Sündhaftigkeit und die meiner heiligen Pflichten. Oh laß es Dir gefallen, bald die Zeit der Sünde und der Trübsal, der Krankheit und des Todes zu beenden, die Zahl Deiner Erwählten zu vervollständigen und Dein Königreich schnell herbeikommen zu lassen, auf daß wir und alle, die auf Deine Erlösung warten, in alle Ewigkeit Dich lieben und preisen mögen, Dich, oh Gott, den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist, alle Zeiten hindurch in einer Welt ohne Ende.

"Vater unser ..." usw.

Quelle: "John Wesley's Journal"