"Gabe der Zunge"

ENCYCLOPAEDIA BRITANNICA

ZUNGEN- DIE GABE DER-, eine Fähigkeit abnormaler und undeutlicher verbaler Laute unter dem Druck religiöser Erregung, die in frühen christlichen Kreisen stark entwickelt war und Parallelen in anderen Religionen hat. Sie wird auch Zungenrede (gr.: Zunge, sprechen) bezeichnet. Im neuen Testament gibt es Aufzeichnungen über diese Erfahrungen in Cäsarea (APOSTELGESCHICHTE 10:46), bei Korinth (APOSTELGESCHICHTE 19:6, 1. KORINTHER 12,14), in Thessalonich (1. THESSALONICHER 5:19), Ephesus (EPHESER 5:18) und allgemein (MARKUS 16:17). In den Briefen des Paulus, der Gott dafür dankte, daß er mehr in Zungen sprach als alle anderen oder einer seiner Bekehrten in Korinth, kann man einen guten Eindruck davon bekommen, wie er diese Gabe betrachtete und was sie wirklich bedeutete.

Paulus unterscheidet zwischen dem Geist, der während dieser Ausbrüche zu Gott sowohl spricht als auch betet, und dem 'nous' oder dem Verstand, der den Psalm, die Lehre, die Offenbarung oder Prophezeihung eines Gläubigen durchdringt und verständlich, erbauend und zum Nutzen der Gemeinde vermittelt. Dementsprechend legt Paulus Regeln fest, die er als den Willen Gottes betrachtet. Jemand, "der in Zungen redet, der redet nicht für Menschen sondern für Gott, denn niemand versteht ihn"; deshalb ist es angebracht, daß man diese Gabe eher für seine private Kammer vorbehält und dort die Geheimnisse ausspricht. In der Gemeinde ist es am besten, sich auf das Prophezeien zu beschränken, weil das den anderen "Erbauung, Ermahnung und Trost" gibt. Wenn jedoch vor der Gemeinde in Zungen gesprochen werden soll, dann sollen nicht mehr als drei der Heiligen die Gabe anwenden, und das nur einer nach dem anderen. Auch soll sie überhaupt nicht benutzt werden, wenn niemand anwesend ist, der die Zungen auslegen und der Versammlung mitteilen kann, was es bedeutet. Wenn die ganze Gemeinde gleichzeitig in Zungen sprechen würde und ein Ungläubiger oder jemand, der keine Erfahrung mit geistigen Gaben hat, hereinkäme, was würde er wohl denken, fragt Paulus. Sicher, daß ihr "von Sinnen" wäret. So wurden zu Pfingsten aus Anlaß der ersten Ausgießung des Geistes die Heiligen von den Umstehenden der Trunkenheit beschuldigt (APOSTELGESCHICHTE 2:13). In der Versammlung sagt Paulus: "Ich will lieber fünf Worte reden mit dem Verstand, auf daß ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen."

Im großen und ganzen setzt Paulus die Zungenrede herab. "Strebet aber ernsthaft nach den besten Gaben", schrieb er den Korinthern. Die Gabe der Zungen war eher für die Kinder im Glauben als für die Reiferen passend. Das Zungenreden würde - so meinte er - aufhören, wenn das Vollkommene kommen sollte; der Gläubige, der mit Menschen und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, der wäre nicht besser als ein tönend Erz oder eine klingende Schelle von den lärmenden heidnischen, geheimnisvollen Riten. Es war ganz klar eine Gabe, die viel Unruhe in der Gemeinde stiftete (1. KORINTHER 14:23). Dennoch wollte er sie nicht völlig verbieten oder unterdrücken (1. THESSALONICHER 5:19), solange der Anstand gewahrt wurde.

Deshalb ist es auch nicht überraschend, daß man nach dem apostolischen Zeitalter wenig davon hört. Es verflüchtigte sich in der großen Kirche, und wahrscheinlich beschrieb Celsus eine Montanistengruppe (obwohl Origenes annahm, daß sie gewöhnliche Gläubige seien), als er von den vielen namenlosen Christen schrieb (Origenes kontra Celsum; 7.9), die sich bei der geringsten Herausforderung sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Tempel wie inspirierte Leute gebahrten; während andere dasselbe in den Städten oder bei der Arme taten, um Almosen zu sammeln.

Im dritten Jahrhundert bezeugt Tertullian, daß die Zungenrede in der Gemeinde der Montanisten, in der er war, weiterbestand; so müssen wir die folgende Passage in seinem Werk De anima, Kap. 9 auf diese Weise interpretieren: "Da ist unter uns zur Zeit eine Schwester, die die Gabe der Offenbarung erhalten hat, die sie im Geist in Extase während des Sonntagsgottesdienstes in der Kirche überkommt. Sie unterhält sich mit Engeln, manchmal sogar mit dem Herrn, und sie hört und sieht Geheimnisse." Die magischen Papyrusschriften mit Zeilen von sinnlosen und befremdlichen Wörtern beantworten vermutlich die Frage danach, was einige der Väter die Sprache der Dämonen nannten. Es wird angenommen, daß wir hier eine Aufzeichnung der Äußerung des Zungenredens haben.

Die Einstellung von Paulus gegenüber der Zungenrede unter seinen Anhängern gleicht auffallend der Meinung Platos, wie in der Timaeus, 9.72, zum Ausdruck kommt, wo er über die enthusiastischen Extasen der früheren Wahrsager) schreibt. Die Gabe der Zungen und deren Auslegung ist nicht nur typisch für christliche Gemeinden, sondern war eine Wiederholung in sich, von dem, was in altertümlichen Religionen allgemein gebräuchlich war. Der besondere Ausdruck ("in Zungen sprechen", wurde nicht von den Schreibern des Neuen Testaments erfunden, sondern war dem normalen Sprachgebrauch entnommen.

Virgil (Aen. 7.46,98) zeichnet ein lebendiges Bild einer zeitgenössischen Prophetin, die "in Zungen sprach". Er schildert ihre schnellen Änderungen der Gesichtsfarbe, ihr zerzaustes Haar, ihren keuchenden Atem und das scheinbare Wachsen ihrer Gestalt, wenn der Gott näherkommt und sie mit seinem göttlichen "afflatus" erfüllt. Dann verlor ihre Stimme ihren menschlichen Klang: "nec mortale sonans". Dieselben krankhaften und abnormalen Äußerungen in Trance tauchen in christlichen Erweckungen jeden Zeitalters auf, z.B. bei den Bettelmönchen des 13. Jahrhunderts, bei den Janseniten, die früheren Quäker, den Anhängern von Wesley und Whitefield, den verfolgten Protestanten der Cevennen, den Irvingiten und bei den Erweckungen von Wales und Amerika.

Orakelhafte Besessenheit des oben beschriebenen Typs ist auch bei Eingeborenen und Menschen niedrigerer Kulturen gebräuchlich; Dr. Tylor gibt in Primitive Culture 2.14 Beispiele von extatischen Äußerungen, die von Zuhörern interpretiert wurden. So gab der Gott Oro auf den Sandwichinseln seine Orakel durch einen Priester, der "aufhörte, als ein freies Wesen zu handeln und zu sprechen, dafür mit seinen Gliedmaßen zuckte, das Gesicht schrecklich verzerrte, die Augen wild und unnatürlich verdrehte, sich mit Schaum vor dem Mund am Boden wälzte und den Willen Gottes in schrillen Schreien und brutalen, undeutlichen Lauten offenbarte, die die anwesenden Priester den Leuten richtig interpretierten."

Siehe E.B. Tylor, Primitive Culture, H. Weinel, Die Wirkungen des Geistes und der Geister (Freiburg, 1899); Shaftesbury's Letter on Enthusiasm; Mrs. Oliphant, Life of Irving, vol 2; G.B. Cutten, Speaking with Tongues, Historically and Psychologically Considered (1927), (die vollständigste Abhandlung, die es gibt). Siehe auch Thouless, Introduction to the Psychology of Religion, Kap. 11.