Gab es eine Britische Kirche, bevor Augustinus kam?

Eine Untersuchung der Hinweise

Am Freitag, dem 19. April, wurde George Carey, der neue Erzbischof von Canterbury, in der Kathedrale von Canterbury gekrönt.

Wenigen, die an dieser Zeremonie anwesend waren, entweder als Mitglieder der Gemeinde oder als Teil der riesigen weltweiten Zuschauermenge, kann es unbemerkt geblieben sein, daß ihr Pulsschlag ein wenig schneller wurde, als die Pracht vor sich ging. Auch gab es wohl nicht viele, die nicht für die anregenden/inspirierenden und begeisterten Worte des Erzbischofs in seiner Ansprache empfänglich waren.

George Carey war anerkannt als ein Mann von Kraft und Überzeugung; ein starker Mann, ein freundlicher Mann, der wenig Zeit unentschlossen herumsitzen würde. Und doch war da ein leichtes Gefühl der Unsicherheit, das nicht aufhörte, einen zu beunruhigen. Wenn ein Mann nicht unentschlossen "herumsitzt", sollte man sich da nicht fragen, wo er sich einsetzt?

Der 103. Erzbischof von Canterbury, Primas von ganz England, der geistliche Führer der Kirche von England (die Königin ist ihr Oberster Leiter) und Leiter der anglikanischen Vereinigung der ganzen Welt, spielte im Laufe seiner Ansprache auf den Sendboten des Papstes Gregors zu diesen Inseln an; das war ein Mönch namens Augustinus, der 597 n. Chr. - um den Erzbischof zu zitieren - "vor fast 1.400 Jahren an einer unberührten Küste Kents landete". Er kam mit dem Wunsch, Christus als Licht der Welt bekannt zu machen.

Wir können nicht zweifeln, daß Augustinus so erfüllt war, noch können wir zweifeln, daß der Erzbischof sich wohl bewußt war, daß die christliche Kirche hier in Britannien schon lange vor der Ankunft Augustinus gegründet worden ist. Es war jedoch etwas unglücklich, daß die Worte des Erzbischofs vielleicht von einigen so verstanden wurden, daß sie denken, der Anfang des Christentums sei auf diesen Inseln entstanden, als Augustinus an der Küste von Kent ankam, aber nicht eher.

Die Worte in dieser Weise zu interpretieren, ist nicht nur schick, sondern sehr verbreitet, weil von einer Reihe Geschichtsschreibern behauptet wird, daß es eine Verschwörung gegeben hätte, die Existenz der frühen Kirche in Britannien herabzuwürdigen, wenn nicht gar zu leugnen. Allzu wenige Briten heutzutage werden fähig sein, diese und andere falschen Lehren, welche von der römischen Kirche über Jahrhunderte verbreitet wurden, aus dem Weg zu gehen. Werde wir im nächsten Jahrzehnt das Verschwinden dieser Lehre beobachten?

Andere - zugegebenerweise die Mehrheit - halten dafür, daß es keinen kräftigen Beweis für eine christliche Kirche von Bedeutung vor dem Jahr 314 gab. Jedoch liefert die Nomina Episcoporum des Rates von Arles in jenem Jahr die Namen von drei britischen Bischöfen: Eborius von York, Restitutus von London und Adelphius, dessen Bischofssitz vielleicht Lincoln, Colokester oder Caerlon war.

Arles läßt darauf schließen, daß es eine organisierte Kirche in Britannien vor der Ankunft des Augustinus gab. In der Tat deutet die Existenz von Bischöfen auf die Existenz eines untergeordneten Klerus und der Gemeinde hin, der sie dienten.

Es wird behauptet, daß die Kirche in ernsthaftem Verfall gewesen sein muß, da es keinen Bericht von britischen Gesandten gibt, die auf dem Konzil von Nizäa im Jahr 325 oder auf dem Konzil von Sardica 343 anwesend waren. Diese Annahme kann widerlegt werden aufgrund der verzeichneten Begleichung der Reisekosten für die britischen Gesandten auf dem Konzil von Arimium im Jahre 359. Auf jeden Fall ist es nicht vernünftig anzunehmen, daß Mitglieder des christlichen Leibes nur deswegen nicht existieren, weil sie nicht an Konferenzen teilnehmen. In unserer Bewegung heutzutage sind wir uns dieser Tatsache nur zu bewußt.

Viel Verachtung ist dem Glauben zugekommen, daß Paulus diese Inseln besuchte und daß Joseph von Arimathia auf der Insel Avalon vielleicht die erste christliche Kirche in Britannien gegründet hat. Das bloße Gewicht der Meinung ist einschüchternd, bis man realisiert, daß eine Meinung, die sich nicht auf Beweismaterial stützt, von geringem Wert ist.

Die Legenden und Überlieferungen, die Anlaß zum Glauben an eine starke voraugustinische christliche Kirche geben, sind selbst ein Indizienbeweis, der eine ernsthafte Überlegung wert ist. Es ist weder "Wunschdenken" noch von neuzeitlicher Erdichtung, daß die guten Leute von Priddy in the Mendips sagen, wenn sie einen Punkt hervorheben wollen: "so wahr der Herr in Priddy war".

Es ist gut gesagt, daß die Beweislast bei dem bleibt, der die Behauptung aufstellt. Doch bei Abwesenheit beglaubigter Aufzeichnungen gibt es vernünftige Meinungen und Annahmen, die stehen gelassen werden müssen, bis sie als falsch widerlegt werden. Bloße Ablehnung ist kein Gegenbeweis.

Die Anerkennung der frühen Kirche auf diesen Inseln während der ersten drei Jahrhunderte n. Chr. leidet an der geringen Menge von Primärquellen, aber es gibt beachtenswerte Kommentatoren. Wir können dem verstorbenen Pastor G. H. Nicholson dankbar sein für die sehr praktische Zusammenstellung vieler Darstellungen früher Kirchengeschichtsschreiber, die zeigten, (zitiert von der Titelseite seines wertvollen Büchleins) "daß die Kirche von England apostolische Gründung, ununterbrochene Beständigkeit und biblische Autorität als die Grundbasis ihrer Glaubensregeln und ihrer Regierungsform angeben kann". Wir tun gut daran, etwas mißtrauisch die Gelehrten zu betrachten, welche die Darstellungen mißachten, die ungefähr 400 Jahre vor Augustinus von Männern vom intellektuellen Format eines Tertullian und Eusebius gemacht wurden.

Tertullian, der 222 n. Chr. gestorben ist, schrieb (Def, Fidei, Seite 177): "Die äußersten Gebiete Spaniens, die verschiedenen Teile von Gallien, die Regionen Britanniens, die nie von römischen Armeen ergründet wurden, haben die Religion Christi erlangt."

Eusebius schrieb zur Zeit des Konzils von Artes (314): "Die Apostel erreichten über den Ozean die Inseln, die britische Inseln genannt werden." (De Demonstratione Evangelii, Lib. 111).

Zu vermuten, daß die römische Kirche die britische Geschichte zu ihrem Vorteil verfälscht habe, wird von dem Teil der Kirchgänger, der sich selbst orthodox nennen könnte, mit einigem Erstaunen und nicht wenig Entrüstung begegnet. Es war nicht immer so. Im letzten Jahrhundert verteidigten viele gelehrte Männer der Kirche die Wahrhaftigkeit der arimatheischen Mission: Daß Joseph von Arimathea tatsächlich zu den Inseln von Avalon kam und dort die Kirche von Glastonbury gründete. Ein mächtiger Unterstützer dieses Glaubens war Erzbischof Usher.

Vor mehr als einem Jahrhundert hätte es für keine Überraschung gesorgt, wenn man die Meinung äußerte, daß er hier gepredigt hat und mit dem königlichen Haus Britanniens befreundet war.

Von ihm selbst haben wir den Hinweis zu jener engen Verbindung in seinem zweiten Brief an Timotheus. Sie und er teilten dasselbe Schicksal des Märtyrertums.

Im Rahmen eines kurzen Artikels kann man diese großartigen Ereignisse nur ganz flüchtig erwähnen. Aber verständige Christen werden verstehen, daß Satans Absicht die Zerstörung unseres geistigen Erbes ist, als ein Vorbote zur Durchkreuzung von Gottes Vorhaben mittels Seines Volkes, dem wahren Israel. Unsere Aufgabe und unser Privileg ist es zu lernen, die Wahrheit von Gottes Hl. Wort zu verbreiten und uns daran zu erfreuen. Das bringt allen Erleuchtung und Errettung, die Ihn ehren, und sorgt für Erneuerung und Erweckung Seines Volkes durch Christus unseren Herrn, Der ohne Zweifel diese Länder in alten Tagen betrat.

Victor S. Harper

Quelle: WAKE UP!, Juli/August 1991