Erstaunliche Gnade

Aus „Leite, freundlich Licht...“ (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „This England“)

John Newton wurde am 24. Juli 1725 in Wapping geboren, einem Stadtteil in Londons geschäftigen Docks. Sein Vater war ein bärbeißiger Kapitän der Handelsmarine, seine Mutter eine Nonkonformistin mit einem tiefen Sinn für Religion und dem starken Wunsch, daß ihr Sohn ein Prediger werden möge. Unglücklicherweise jedoch starb sie an Schwindsucht, bevor der Junge sein siebtes Lebensjahr erreichte... Mehrere Jahre auf einer Schule, in der man Schläge statt gesunden Menschenverstands benutzte, zerstörten alle Gefühle der Sanftheit, die er von seiner Mutter geerbt haben mochte. An seinem elften Geburtstag beendete sein Vater abrupt die Schulausbildung seines Sohnes und nahm ihn als Schiffsjungen mit zur See. Aus John wurde ein rebellischer Teenager. Die Zeit zwischen seinen Reisen verbrachte er im Haus seiner Stiefmutter. Seine Wildheit erregte die Abscheu und Mißbilligung der gesetzestreuen Anwohner. Er wurde zu einem bekannten Wilddieb, schwang unflätige Reden und verbrachte seine Zeit mit Nichtstun. Trotzdem kehrte er zweimal vorübergehend zur Religion zurück, als er in seinem wilden Leben nur knapp dem Tod entrann, wobei er sich an die frühen Lehren seiner Mutter erinnerte.

An einem Punkt seiner Seemannskarriere fand er sich selbst plötzlich in der Mannschaft eines Sklavenhändlers wieder. Innerhalb kurzer Zeit wurde Newton, aufgrund seiner harten Erfahrung in der Vergangenheit und wegen seiner gefühllosen Unmenschlichkeit und Ausschweifung im gegenwärtigen Leben zu einem militanten Atheisten oder „Freidenker”, wie die Zeit ihn euphemistisch bezeichnete.

Später wurde ihm an Land eine Position bei einem Sklaventreiber angeboten, der auf einer kleinen Insel eine „Fabrik“ errichtete – eine Sammelstelle für Sklaven, die auf ihre Verschiffung warteten. Aber infolge von Krankheit sowie durch die Doppelzüngigkeit und den Betrug seitens seines Arbeitgebers fand er sich wieder an der Schwelle des Todes. Diesmal wurde er selbst in den Sklavenpferch geworfen und mit Ketten um seine Knöchel versehen. Man gab ihm nichts zu essen, und er wäre sicher des Hungers gestorben, wäre da nicht die einfache Freundlichkeit der unglückseligen Schwarzen gewesen. Sie erkannten seine traurige Lage und hatten Mitleid mit ihm. Sie teilten ihre kärgliche Speise mit eben dem Mann, der vor kurzem noch mit de r Peitsche über ihnen gestanden hatte.

Befreit und auf dem Heimweg nach England wurde sein Schiff im Wüten eines heftigen nordatlantischen Sturmes gefangen. Newton mühte sich verzweifelt an der Handpumpe, um zu verhindern, daß das Schiff sank. Viele in der Mannschaft hatten die Hoffnung bereits aufgegeben und bereiteten sich auf das vor, was wie der sichere Tod aussah. Aber plötzlich sagte Newton etwas, was sie erstarren ließ. Diesen liederlichen Jungen, bekannt für sein zügelloses Benehmen und seine gotteslästerliche Zunge, hörte man die Worte aussprechen: „Herr, hab Gnade mit uns.“ Es war so untypisch, so unerwartet von einem, der so unanständige Gewohnheiten hatte, daß sogar die hartgesottenen Seemänner das Gewicht dieser Worte spürten. Es war erstaunlich, daß ein Mann wie Newton sich in diesen scheinbar letzten Momenten seines Lebens zu Gott wenden und Ihn um die Gnade der Vergebung bitten konnte. Newton fluchte nie wieder. Statt dessen las er das Neue Testament, während seinen Kameraden vor Erstaunen der Mund offenstand. Nach einer wunderbaren Rettung ließ er sich in England nieder, heiratete und wurde, trotz verlockender Angebote einer weltlichen Karriere, ein anglikanischer Priester.

Newtons Freund William Cowper begann, Hymnenverse zu schreiben. Unter solch erfahrenem Einfluß begann Newton ebenso, seine eigenen sorgfältig erwogenen Zeilen zu schreiben. Auch wenn es ihm vielleicht der poetischen Reinheit des bekannten Cowper mangelte, trafen diese Zeilen doch direkt die Herzen der einfachen Leute, die gerne zu seinen frohen und musikerfüllten Gottesdiensten kamen. 1779 wurden die wohlbekannten Olney-Hymnen veröffentlicht, die 348 Stücke enthielten. Drei Viertel von ihnen waren von Newton geschrieben worden und der Rest von Cowper. Außer „Amazing Grace” und „How Sweet the Name” verfaßte er auch „Glorious Things of Thee are Spoken” und viele andere Lieder, die weltweit beliebt sind.

Von 1785 an spielte Newton eine wesentliche Rolle im 20-jährigen Kampf um die Abschaffung der Sklaverei durch das Ober- und Unterhaus. Seine Erfahrungen waren die einzigen aus erster Hand, welche das unabhängige Komitee anhörte, als es sich 1788 versammelte, um die ganze Angelegenheit zu untersuchen. Nach dem Tod seiner Frau half John, die „Church Missionary Society“ zu gründen, die die Gute Nachricht des Evangeliums unter anderem jenen Gebieten Afrikas brachte, in denen er einst als Sklavenhändler tätig gewesen war. Er predigte von seiner Kanzel bis wenige Monate vor seinem Tod am 21. Dezember 1807, dem gleichen Jahr, in dem das Emanzipationsgesetz, welches die Sklaverei abschaffte, in England in Kraft trat.

Er lebte wahrhaftig ein erstaunliches Leben voller erstaunlicher Ereignisse... und erstaunlicher Gnade.