Die Hugenotten, Waldenser und Katharer

Eine kurze Studie über die Geschichte der Hugenotten, Waldenser und Katharer sowie deren Glauben und Verfolgung durch die Kirche Roms.

Die Hugenotten

Die reformatorische Bewegung hatte sich in den europäischen Ländern auf unterschiedliche Träger gestützt: in Deutschland auf die Fürsten und bald darauf auf das Volk; in England auf das Königshaus, dem es zwar deutlicher um die Unabhängigkeit von Rom als um eine Neugestaltung des Glaubens ging; in Frankreich, wo eine Reformation zu Fall kam, war sie vom Adel und Besitzbürgertum vorangetrieben worden.

Von Anfang an trug sie hier politische Züge, in die als zusätzliche Spannung auch die ethische Polarität zwischen Nord- und Südfrankreich eingebaut war. Ihre Anhänger nannten sich Hugenotten; reformatorische Leitfigur war der eher calvinistisch als lutherisch orientierte Theologe Cornelis Jansen (1585 - 1638), der den "Jansenismus" auslöste. Das in der Nähe von Paris gelegene Kloster Port-Royal diente als geistiges Zentrum. Hier hatten sich auch bedeutende Geister zusammengefunden, unter denen der Mathematiker und angesehene Denker Blaise Pascal (1623 - 1662) besonders hervorragte.

Königliche Truppen stürmen einen Betsaal der Hugenotten. Eine der zahlreichen Darstellungen aus den Kämpfen zwischen der Monarchie und den aufständischen reformierten Adeligen. Die berüchtigte Bartholomäusnacht, die auf die Pariser Bluthochzeit folgte, artete rasch in ein allgemeines Gemetzel aus. Anlaß für die Verfolgung der Hugenotten in der Bartholomäusnacht war die Heirat Heinrichs von Navarra und Margaretes von Valois. Drahtzieherin beim Überfall auf die Hugenotten war die Königinmutter Katharina von Medici.Königliche Truppen stürmen einen Betsaal der Hugenotten. Eine der vielen Darstellungen aus den Kämpfen zwischen der Monarchie und den aufständischen reformierten Adeligen. Die berüchtigte Bartholomäusnacht, die auf die Pariser Bluthochzeit folgte, artete rasch in ein allgemeines Gemetzel aus. Anlaß für die Verfolgung der Hugenotten in der Bartholomäusnacht war die Heirat Heinrichs von Navarra und Margaretes von Valois. Drahtzieherin beim Überfall auf die Hugenotten war die Königinmutter Katharina von Medici. Der Königshof war katholisch geblieben und wählte schließlich in seiner Bedrängnis den radikalsten und ungeistigsten aller Wege: Man brachte die Hugenotten einfach um - verhängnisvolles Vorspiel der später umge-kehrten Revolution.

Nachdem schon 1562 in Vassy ein grausiges Blutbad angerichtet worden war, ergriff man den Anlaß einer als Versöhnung gedachten Fürstenhochzeit - zu der die Hugenotten aus dem ganzen Land nach Paris gekommen waren -, um eine grausige Schlächterei anzurichten. Die Zahl der Opfer dieser systematischen Ausrottung wird für das ganze Land allgemein mit "Zehntausende" angegeben. Geschehen war dieser Massenmord in der Nacht vom 23. zum 24. August 1572, der berüchtigten "Bartholomäusnacht". Ohne Frage waren weder der Papst noch die französische Kirche die Anstifter dieser Greueltat. Leider stimmte aber Gregor XIII. (1572 - 1585), als er die (vielleicht unvollständige) Nachricht erhielt, in Rom nicht nur ein Tedeum an, er ließ auch, nachdem die Informationen schon ausführlicher geflossen sein mußten, eine Gedenkmünze prägen. Eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte. Natürlich wurde die Auslöschung der Hugenotten dadurch so wenig erreicht wie die Beseitigung der deutschen Protestanten durch den Dreißigjährigen Krieg. Zwar wanderten viele Adelsgeschlechter aus - auch nach Deutschland -, aber die Verbitterung im Lande blieb so groß, daß schließlich doch Religionsfreiheit gewährt werden mußte (Edikt von Poitiers, 1577).

Der holländische katholische Theologe Cornelis Jansen war zuletzt Bischof von Ypern. Durch seine religiösen Schriften wurde er, ohne es anzustreben, zur geistigen Leitfigur der Hugenotten und ihrer Anhänger. Der "Jansenismus" berief sich auf sein Hauptwerk "Augustinus", in dem er eine an Calvin anklingende Gnadenlehre vertrat.

Die ausgewanderten Hugenotten behielten Kontakt mit den Daheimgebliebenen. In der Fremde, in Deutschland, England, Rußland, auch Italien tauchten sie keineswegs verschämt unter, organisierten sich aber auch nicht als Kleinkirchen. Ihre calvinistisch unterbaute Tüchtigkeit trug den Gastländern vielfältigen kulturellen wie auch wirtschaft-lichen Gewinn ein. Noch im hohen Alter bekannte sich die deutsche Konvertitin Gertrud von le Fort (1876 - 1971) stolz zu ihrer hugenottischen Herkunft. Übrigens kannte auch das französische Volk durchaus die dynastischen Motive des Massenmords wie auch dessen Zentralfigur, die Königinmutter Katharina von Medici (1519 - 1589). Als diese 17 Jahre nach der Bartholomäusnacht starb, war sie in Paris zu einer so verhaßten und verachteten Person geworden, daß man ihren Tod nur noch mit zynischer Genugtuung zur Kenntnis nahm. "Wie eine Katze verendet", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht.

Waldenser und Katharer

Rückkehr zu den Ursprüngen des Christentums zu einem apostolischen Leben unterschiedsloser Brüderlichkeit, zu freiwilliger Armut und täglichem Umgang mit dem Evangelium - mit diesem anfangs kirchentreuen Reformprogramm waren um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert zwei Bewegungen aufgekommen, die für das Christentum zu einer echten Bereicherung hätten führen können: die Waldenser und Katharer. Leider arteten jedoch die anfänglich wohlwollenden Beziehungen zwischen ihnen und der Amtskirche bald in so scharfe Feindseligkeit aus, daß Rom zu ihrer Ausrottung mit Feuer und Schwert aufrief. Beide Bewegungen waren aus dem damals wohlhabendsten, auch gebildetsten Gebiet Europas, dem Land der Troubadoure - der Provence und Aquitaniens - hervorgegangen und hatten sich als ein Protest gegen die in Feudalismus und Machtpolitik erstarrte Kirche auch über Norditalien und weit nach Deutschland hinein ausgebreitet. Ihr vorgelebtes Armuts- und Brüderlichkeitsideal setzte freilich, auch ohne daß es des eifrigen Predigens bedurft hätte, die vom Adel und seinem Besitzdenken beherrschte Hierarchie so offenkundig ins Unrecht, daß selbst der kurz darauf einsetzenden franziskanischen Bewegung noch lange mit Mißtrauen begegnet wurde (Franz von Assisi, um 1181 - 1226, Dominikus, um 1170 - 1221. Bekehrung des Petrus Waldes 1176, Aufruf Innozenz' III. zum Kreuzzug gegen Katharer und Waldenser 1208). Nach der Entzweiung mit der Kirche und der rasch einsetzenden Ketzerjagd entwickelten diese Reformbewegungen eine eigene, inzwischen kontrovers gewordene Theologie, die die meisten Sakramente wie auch die Rangordnung der Ämter als unevangelisch verwarf. Von Anfang an hatten die Waldenser schon dadurch Ärgernis erregt, daß sie die Gültigkeit der Sakramente entgegen der offiziellen Lehre von der Würdigkeit des Priesters abhängig machten.

Schon im Jahre 1176 gründete der Reformator Petrus Waldes in Lyon die Bewegung der nach ihm benannten Waldenser. Gegenüber einer mitleidslosen feudalistischen Welt verwirklichte er das Armutsideal des Evangeliums. Die Gründung der ebenfalls armen Bettelorden bildete eine Antwort sowohl auf die Waldenser wie auf die Katharer. Petrus Waldes (÷ zw 1184 und 1218), ein reicher Kaufmann aus Lyon, verschenkte, dem Rat Christi an den reichen Jüngling folgend, seinen Besitz an die Armen, um sich fortan einem anspruchslosen Leben und der Verkündigung christlicher Nächstenliebe zu widmen. Die Zahl seiner Anhänger nahm trotz inquisitorischer Ahndung rasch zu. Petrus Waldes ist nach vielen Jahren reformatorischen Wanderlebens verschollen; doch beriefen seine Nachfolger 1228 ein Konzil nach Bergamo, um dort die inzwischen entstandenen Lehrmeinungen zu koordinieren. Wenn auch zahlenmäßig unauffällig, besteht die Glaubensgemeinschaft der Waldenser heute noch sowohl in Deutschland wie im übrigen Europa. Doch gliederten sie sich, obwohl sie viele Ideen der späteren Reformatoren vorweggenommen hatten, nie einer protestantischen oder reformierten Kirche ein.

Anders als die Waldenser, die von ihrem Eigenverständnis des Evangeliums ausgegangen waren, brachten die Katharer (in Frankreich nach der Stadt Albi, ihrem Hauptsitz, "Albigenser" genannt) viel manichäisches Gedankengut in ihr Bekenntnis ein. Ein rigoroser Dualismus zwischen Gut und Böse, Geist und Materie, gottentsprungener Seele und einem der Sünde verfallenen Leib beherrschte ihr religiöses Gedankengut, das aufgrund solch harter Weltverachtung niemals für eine allgemeine Kirche geeignet war. Obwohl auch sie sich auf Christus und das Evangelium beriefen, erwiesen sich die Katharer nicht als Vorstufe der späteren Reformation (wenn auch aus ihrem Namen das Wort "Ketzer" entstand), es sei denn, man sehe in ihrer Ablehnung der katholischen Kirchenstruktur, deren Sakramente und Ämter die Parallele. Dualistisch war auch die Gliederung ihrer Anhänger in streng asketisch, auch vegetarisch lebende "Vollkommene" und alle übrigen, die "Gläubigen". Von den Sakramenten ließen sie, als ausdrücklich von Christus eingesetzt, nur die Handauflegung, das sogenannte CONSOLAMENTUM, gelten, durch das man in den Stand und in die Pflichten eines "Vollkommenen" eintrat, weshalb es sich die meisten Gläubigen für die Todesstunde aufsparten. Die Verfolgung der Katharer, denen sich auch manche Bischöfe angeschlossen hatten, verlief so brutal, daß sie heute auch in katholischen Darstellungen der Kirchengeschichte offen mißbilligt wird. Da die Verfolgten mit heroischer Unbeugsamkeit in den Tod gingen (Montségur 1244!), auch viel durch die Troubadoure vermitteltes esoterisches Geistesgut, zum Beispiel die Gralstradition verwalteten, wird ihr Andenken angefangen mit Wolfram von Eschenbach bis heute literarisch und künstlerisch gefeiert (Wagner). Doch darf hier nicht verschwiegen werden, daß dem Orden des hl. Dominikus auch viele echte Bekehrungen gelangen. Denn auch er war zum Predigen gegründet und hatte das Armuts- und Brüderlichkeitsideal ebenso verwirklicht wie seine Gegner. Auch aus seinen Reihen wurden, nachdem ihm die Inquisition übertragen worden war, zahlreiche Mitglieder ermordet. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an galten der Anhang und die Bedeutung des Katharertums als gelöscht.

Bruno Moser