Die Goldene Regel

Jesus sagte: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten“ (MATTHÄUS 7:12). Mit anderen Worten, behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest, denn das ist die Botschaft der gesamten Bibel. Dieses Prinzip der Liebe oder überfließenden Fürsorge für unsere Mitmenschen wurde als die „Goldene Regel" des zwischenmenschlichen Umgangs bekannt, da es der einzige Weg zu Frieden und Harmonie für jedermann ist.

Welch wohlklingende Worte – ausgezeichnete Ansichten, magst du vielleicht sagen. Doch wir müssen über schöne Gedanken hinausgehen. Wir müssen diese Goldene Regel als etwas alltägliches betrachten. Fangen wir frühmorgens an, wenn du aus dem Bett kletterst und dich ins Badezimmer schleppst. Jemand war so umsichtig, die leere Toilettenpapierrolle zu wechseln, nachdem sie am Abend zuvor aufgebraucht worden war. Die Zahnpastatube, die du leergedrückt hattest, ist verschwunden – an ihrer Stelle befindet sich eine ganz neue Tube. Frische Handtücher hängen auf dem Handtuchhalter. Und während du den Duschhahn aufdrehst, bemerkst du, daß die Duschwände und Glastüren von deinem Vorgänger abgetrocknet wurden. Der Morgen hat gut angefangen!

Nachdem du ins Schlafzimmer zurückgekehrt bist, um dich anzuziehen, siehst du, daß das Bett gemacht ist und die Kleidung, die du am Abend zuvor über einen Stuhl geworfen hattest, nirgends mehr zu sehen ist. Als du in deinen Schrank schaust, um zu entscheiden, was du heute anziehen willst, siehst du dort saubere Kleidung hängen.

Während du dich anziehst, steigt dir aus der Küche der betörende Duft von frisch gebrühtem Kaffee entgegen. Du hörst das Brutzeln der Spiegeleier und das Springen des Toasters, vermischt mit dem Klappern von Geschirr und Besteck, während es auf den Frühstückstisch gelegt wird. Die lachenden und plappernden Kinderstimmen lassen dich sogar noch zuversichtlicher in den bevorliegenden Tag gehen.

Stellen wir uns uns jetzt mal eine Frage: Nehmen wir dies alles einfach als selbstverständlich hin? Oder erwidern wir es und zeigen unsere Dankbarkeit für solche Gesten der Umsicht? Wenn ja, so sind wir wahrscheinlich guter Dinge und gehen zuversichtlich in den neuen Tag!

Doch was die Routine des Alltags anbelangt – nichts währt ewig! Die Kinder sind auf dem Weg zur Schule, und du fährst jetzt in deinem Auto auf der Hauptstraße zur Arbeit. Der Verkehr ist ungewöhnlich dicht. Und - wie sollte es anders sein - der Fahrer hinter dir fährt zu dicht auf, erpicht darauf, zu überholen, was ihm jedoch nicht gelingt. Mit zunehmender Anspannung blickst du immer wieder in deinen Rückspiegel. Auf der Anzeige siehst du, daß du das Tempolimit schon erreicht hast. Schließlich schert der andere Fahrer hinter dir aus und beschleunigt, während er dich auf der falschen Seite überholt. Als du zu ihm hinüberschaust, siehst du ihn eine obszöne Geste machen! Jetzt verwandelt sich deine Anspannung allmählich in Rage. Was sollst du also tun? Gas geben – versuchen, das Spiel umzudrehen und ihn zu nötigen? Oder ignorierst du ihn und läßt deinen Ärger verklingen? Das ist die richtige Zeit, um an deinen guten Start von heute morgen zu denken. Es ist Zeit, sich an die Goldene Regel zu erinnern.

Schließlich erreichst du deine Firma und suchst nach einem Parkplatz. Als du endlich einen entdeckt hast, kommt dir ein Wagen von der anderen Seite entgegen, welcher den Platz ebenfalls beansprucht. Was nun? Bist du zuvorkommend und überläßt dem anderen Fahrer die Parklücke? Oder schneidest du ihm den Weg ab und parkst hastig selber ein? Das ist wieder ein guter Moment, sich an die Goldene Regel zu erinnern.

Als du das Gebäude betrittst, spürst du, daß jemand hinter dir geht. Bleibst du stehen und hältst die Tür auf, oder gehst du weiter, ohne jede Rücksicht auf die andere Person? Du schreitest zum Aufzug, und jemand hält von innen die Tür auf, damit du noch hinein kommst. Das gibt dir wieder eingutes Gefühl, oder? Vielleicht kennen auch andere die Goldene Regel.

Deine Mitarbeiter begrüßen dich mit einem fröhlichen „Guten Morgen!”. Du erwiderst ein freundliches Wort und lächelst. Deine Laune verbessert sich immer mehr im Laufe des Morgens.

Es sollte uns allen bewußt sein, daß jeder von uns eine Wirkung auf den anderen ausübt. Niemand lebt in einem Vakuum. So vieles von dem, was wir tun, kann den Tag des anderen entweder verschönern oder verderben - und umgekehrt!

Später, gegen Mittag, entschließt du dich, einen Happen im gegenüberliegenden Restaurant zu essen. Doch die Bedienung hat einen Lehrling im Schlepptau, was zur hektischen Mittagszeit eine Verzögerung verursacht. Du bist in Eile, da du noch einige Besorgungen machen willst, bevor du wieder ins Büro zurückkehrst. Als sie dir endlich dein Essen bringt, merkst du, daß es nicht einmal das ist, was du bestellt hattest. Wirst du ärgerlich? Verlangst du, den Geschäftsführer zu sprechen? Wirst du ihm sagen, was für unmögliche Angestellte er hat? Oder erinnerst du dich an die Goldene Regel und übst dich in Geduld – im Vertrauen darauf, daß die Bedienung unter diesen Umständen ihr Bestes getan hat? Geduld hat ihre eigene Belohnung, erinnerst du dich? Du wendest die Goldene Regel an und beginnst, dich wieder wohl zu fühlen.

Nun die Besorgungen. Du mußt zur Reinigung, um die Kleidung abzuholen, die du vor ein paar Tagen abgegeben hattest. Doch der Angestellte erklärt dir, daß sie den großen Fleck aus einem deiner Mäntel nicht herausbekommen konnten. Und wieder - wirst du ärgerlich auf den Angestellten? Beschimpfst du den Abteilungsleiter? Oder erinnerst du dich wieder einmal an die Goldene Regel? Schließlich ist es nicht die Schuld des Angestellten, daß der Fleck nicht herausging, und auch nicht die des Abteilungsleiters. Deine Reaktion wird nicht nur deine Einstellung beeinflussen, sondern auch die jener Angestellten. Sie könnte deinen Tag ruinieren und auch ihren. Doch ein höfliches „Danke, daß Sie mir das mitteilen” könnte euch alle für den Rest des Tages besser stimmen. Und wenn du wirklich meinst, es sei angemessen, den Abteilungsleiter zu sprechen, dann bring dein Anliegen in fairer Weise vor, ohne die Stimme zu erheben, unhöflich oder sarkastisch zu sein. Erkläre dein Anliegen genau so, wie jemand eine Beschwerde an dich richten sollte!

Wie wir alle wissen, kann uns eine kleine Liebenswürdigkeit sehr stark motivieren. Leider entspricht es allzuoft nicht unserer natürlichen Neigung, derart rücksichtsvoll zu sein. Die britische Autorin Mary Webb schrieb: „Wenn du anhältst, um eine Freundlichkeit zu erweisen, mußt du oftmals von deinem eigenen Weg lassen” (Precious Bane, Buch 2, Kap. 3, 1924).

Denken wir dagegen häufig über die Goldene Regel nach, meditieren darüber und versetzen uns in die Lage des anderen, so werden wir ihn viel wahrscheinlicher so behandeln, wie wir es sollten. Ein französischer Autor stellte einst fest: „Wahre Nächstenliebe setzt die Fähigkeit voraus, sich die Leiden und Freuden anderer so vorzustellen, als wären es die eigenen.” (André Gide, Pretexts, „Portraits and Aphorisms," 1903). Das ist in der Tat die Essenz der Goldene Regel.

Schließlich erreichst du nach einem langen, harten Tag die Einfahrt zu Hause. Und, als wenn du es geahnt hättest – überall liegen Spielsachen und Fahrräder herum, welche sogar das Garagentor blockieren! Noch ein weiteres Mal erinnerst du dich an die Goldene Regel. Also parkst du das Auto, ziehst die Handbremse an und steigst aus. Als du anfängst, dir den Weg für dein Auto freizumachen, kommen deine Kinder aus dem Haus gestürmt, um dich zu begrüßen. Anstatt sie zu anzuschreien, weil sie die Garage blockiert haben, weist du sie mit sanften Worten zurecht, damit sie nächstes Mal daran denken. Dann umarmst du sie alle ganz fest, voller Freude, wieder zu Hause bei deiner Familie zu sein, und im Bewußtsein deiner zahlreichen Segnungen.

Heute Abend wäre ein guter Zeitpunkt, erste Schritte zu unternehmen, um morgen einen besseren Tag für jeden zu machen. Warum nicht vor dem Zubettgehen die Kleidung in den Wäschekorb tun, anstatt sie über den Stuhl zu werfen? Oder wie wäre es damit, den Wecker zu stellen, so daß du rechtzeitig aufstehen kannst, um eine frische Kanne Kaffee zu kochen? Vielleicht ist heute abend etwas Zeit, den Kindern eine Geschichte vorzulesen, bevor sie zu Bett gehen. Wie du siehst, läßt sich die Goldene Regel auf so viele Weisen praktizieren. Und das Zuhause ist oft der beste Ort, um damit anzufangen.

Praktische Anwendungen der Goldenen Regel

  1.     Wenn du etwas öffnest, dann schließ es wieder.
  2.     Wenn du etwas anschaltest, dann schalte es auch wieder aus.
  3.     Wenn du etwas aufschließt, dann schließ es wieder zu.
  4.     Wenn du etwas kaputtmachst, dann repariere es wieder.
  5.     Wenn du es nicht reparieren kannst, dann hole jemanden, der es kann.
  6.     Wenn du etwas ausleihst, dann gib es wieder zurück.
  7.     Wenn du etwas benutzt, dann gib acht darauf.
  8.     Wenn du Unordnung machst, dann mach wieder Ordnung.
  9.     Wenn du etwas von seinem Platz nimmst,dann stelle es wieder zurück.
  10.     Wenn etwas jemand anderem gehört, und du willst es benutzen, dann frage um Erlaubnis.
  11.     Wenn du nicht weißt, wie etwas zu bedienen ist, dann rühre es nicht an.
  12.     Wenn es dich nicht betrifft, dann misch dich nicht ein.

Aus einer Kolumne von Ann Landers Quelle: 'The World Ahead', 19.06.1998