Der weltliche Humanismus auf der Anklagebank

Wird an den öffentlichen Schulen in den Vereinigten Staaten eine falsche Religion gelehrt?

Vorbereitung auf Teufelsaustreibung?  Richter HandVorbereitung auf Teufelsaustreibung? Richter Hand Für die christlichen Fundamentalisten ist die weltliche Lehre des Humanismus genauso tödlich und schwierig zu entlarven wie der Teufel selbst. Ebenso wie Satan setzt der weltliche Humanist viele Masken auf. Er kontrolliert die Regierung, die Medien und, was am schlimmsten ist, das öffentliche Schulwesen. Aber in Mobile, Ala., hat endlich der Richter W. Brevard Hand diesem vielgestaltigen bösen Geist in einem Bundesgerichtssaal eine Falle gestellt. Er behandelt einen Fall, vom Richter selbst in die Wege geleitet, in dem 600 Eltern und Lehrer gegen vier Dutzend Lehrbücher, die an öffentlichen Schulen in Alabama im Gebrauch sind, aufgrund der Tatsache angehen, daß diese den weltlichen Humanismus auf Kosten der traditionellen religiösen Glaubensrichtungen fördern. Beide beteiligten Seiten haben ein beeindruckendes Aufgebot an Religions- und Erziehungs-experten zusammengestellt, um folgende Grundfragen zu erläutern: Ist der weltliche Humanismus selbst schon eine Religion? Und wird er an den öffentlichen Schulen Alabamas gelehrt?

Jetzt, in der dritten Verhandlungswoche, hat dieser Fall als eine Art Teufelsaustreibung im Gerichtssaal bereits die nationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wenn die Lehre vom weltlichen Humanismus wirklich eine eigenständige Religion ist, wie es die Kläger behaupten, dann ist diese auch in dem verfassungsgemäßen Recht, an Schulen gelehrt werden zu dürfen, den Glaubensrichtungen Protestantismus, Katholizismus und Judentum nicht zu bevorzugen. Ein Sieg für die Eltern würde es einem ja offensichtlich sehr eifrigen Richter Hand - oder auch jedem anderen Richter - erlauben, die Klassenräume von den anstößigen humanistischen Texten zu reinigen. Die Angeklagten, staatliche und lokale Schulkommissionen, argumentieren so, daß die Fundamentalisten diese Streitfrage über den weltlichen Humanismus nur als Vorwand benutzen, um ihre eigenen sektiererischen Wertvorstellungen an den öffentlichen Schulen durchzusetzen.

Gott wird übergangen: In den ersten beiden Wochen des ohne Schöffen geführten Verfahrens gaben die Zeugen zugunsten der Kläger vielfältige Definitionen des weltlichen Humanismus an und sagten über dessen Allgegenwärtigkeit als funktionierendes Gegenstück zur Religion aus. Im wesentlichen erörterten sie, daß diese Lehre eine Lebensphilosophie sei, die Gott nicht beachtet oder anerkennt und die die menschliche Vernunft zur Quelle aller Wertvorstellungen macht. Historisch gesehen schloß der Humanismus in Europa den Glauben an die biblische Offenbarung mit ein. Aber so wie der konservative katholische Gelehrte James Hitchcock von der St. Louis Universität aussagte, entstand der weltliche Humanismus - als "Ismus" - aus der Verwerfung der offenbarten Religion im 18. Jh. und dem aufklärerischen Glauben allein an die Vernunft. "Oftmals", sagte Hitchcock, "in akademischen und intellektuellen Kreisen ist der Humanismus wirklich eine Religion."

Die Zeugen auf Seiten der Kläger schienen unfähig, zu zeigen, daß der weltliche Humanismus den Zusammenhalt hat, der charakteristisch für eine Religion ist. Im Kreuzverhör räumte der Soziologe James Hunter von der University of Virginia ein, daß fast jeder weltliche Enthusiasmus - Feminismus, Vegetarismus und Sozialismus - als ein Gegenstück zu einer Religion definiert werden kann. Für den Zeugen der Verteidigung Paul Kurtz, Professor der Philosophie an der State University of New York in Buffalo und der einzige anerkannte Vertreter des weltlichen Humanismus, der den Zeugenstand betrat, ist die Sache, um die es geht, "im Zusammenhang der humanistischen Entwicklung zu sehen und ist nicht als religiös anzusehen ... Sie nutzt Wissenschaft, Vernunft und Beweise, um die Theorie zu prüfen." Kurz gesagt scheint weltlicher Humanismus eine Art Glaube zu sein, den einige Leute annehmen, wenn sie keine Religion annehmen wollen.

Viel aussagekräftiger war die Zeugenaussage darüber, wie beflissen die Lehrbücher, die an öffentlichen Schulen im Gebrauch sind, das Thema Religion meiden. Professor Timothy L. Smith, ein hervorragender Historiker der amerikanischen Religion an der Johns Hopkins Universität, sagte, daß er "zutiefst erschüttert" über den beinahe völligen Mangel an Bezügen zur Religion in den Geschichtstexten ist, die in diesem Staat in der 11. Klasse benutzt werden. Die Rolle der Religion in der Entwicklung des für Amerika typischen Pluralismus fand kaum Erwähnung, sagte er, genauso wenig die "absolut zentrale Rolle" der Christen in der Abschaffung der Sklaverei. Der Psychologe Paul Vitz von der New York University berichtete von einer "völligen Abwesenheit jeglicher Hinweise auf das religiöse Leben in Amerika, gleich welcher Art, ob protestantisch, katholisch oder jüdisch", in einer Reihe von Grundschulbüchern, die er im Auftrag des "National Institute of Education" untersuchte. Er entdeckte, daß Gott nirgendwo in dem Material für fünf der insgesamt acht Klassenstufen erwähnt wurde. In einem Buch wurde zwar etwas über das erste Dankesgebet der Pilgerväter geschrieben, aber nicht über den Gott, zu dem sie beteten. Und sogar eine Geschichte von Isaac Bashevis Singer für Sechstklässler wurde derart abgeändert, daß aus "Gott sei Dank" (Thank God) "Ein Glück" (Thank goodness) wurde.

In ähnlicher Weise wurden die öffentlichen Schulen kritisiert, weil sie strenge moralische Prinzipien durch Psychologie ersetzen. Neben anderen Beispielen erwähnte Dr. William Coulson, Professor der Psychologie an der United States International University in San Diego, auch einen Kurs über Entscheidungsbildung im Familienleben, in dem, wie er bezeugte, an keiner Stelle gesagt wurde, "daß man wissen kann, wie man (moralisch) richtig handelt".

Diese Woche wird auch der Harvard-Psychiater Robert Coles als Zeuge für die Angeklagten aussagen. Seine Aussage wird wahrscheinlich beide Seiten sehr überraschen. Coles meint, daß die Eltern bei ihrem Angriff auf den weltlichen Humanismus Kultur und Religion verwechseln. Seiner Meinung nach ist weltlicher Humanismus eine Art geruchloses Gas, das die ganze Gesellschaft durchdringt. Dennoch glaubt Coles, daß die Eltern guten Grund zur Beschwerde darüber haben, was ihren Kindern in der Schule beigebracht wird. "In diesen Texten wird besonders hervorgehoben, die Welt durch irgendwelche psychologischen Theorien zu sehen, besonders durch die Theorie über das eigene Ich und dessen Bedürfnisse", betont er. "Es gibt einfach keinerlei Hinweise auf das eigene Ich als Gegenstand von etwas anderem."

Verdrehte Geschichte: Obwohl die Kläger Fundamentalisten aus Alabama sind, überschreitet der Streitfall, den sie aufgeworfen haben, den Bibelgürtel. Auf jeden Fall zeigen die Beweise in diesem und in früheren Schulbuchfällen, daß amerikanische Lehrer und Lehrbuchherausgeber sich derart davor hüten, im Klassenraum über Religion zu diskutieren, daß sie bereit sind, die Geschichte - und auch die Literatur - zu verdrehen, nur um diesem Thema aus dem Weg zu gehen. Mehr noch, es kommt immer häufiger vor, daß, wenn Fragen nach moralischem Handeln in den Schulklassen auftreten, diese routinemäßig, ähnlich wie Schmelzkäse, in diesen individualistischen Jargon der humanistischen Psychologie eingeschmolzen werden. So werden die Schüler ermutigt, ihre eigene "Identität" zu enthüllen, zu lernen, wie sie ihr wahres "Ich" zum Ausdruck bringen und ihre Wertvorstellungen "klar und deutlich machen."

"Sind die Schüler mit den Theorien der Psychologen wirklich besser dran", fragt Coles von Harvard, "als mit den strengen Vorstellungen von Jeremia und Jesus?" Tatsächlich hat das U.S.-Bundesgericht Erziehern erlaubt, Wege zu finden, um Religion zu lehren, so lange sie nicht der Bekehrung dienen. Ein Weg wäre, einige Kernbücher aus der Bibel neben den Fabeln und Märchen mit einzubeziehen, die zur Zeit den Lehrplan blockieren. Dieser Weg wird die Fundamentalisten, die die Bibel nur als heilige Schrift gelehrt sehen wollen, nicht befriedigen. Aber es würde den Schülern eine Einführung dessen geben, was, gleich von welcher Qualität, die wichtigen Dokumente in der Tradition unserer westlichen Kultur sind, die auf dem religiösen Humanismus aufbaut. Mag der weltliche Humanismus auch keine Religion sein, so sind doch Judentum und Christentum mit absoluter Sicherheit humanistisch.

Kenneth L. Woodward mit Katherine Taylor in Mobile

Quelle: Newsweek, 27. Oktober 1986