Der singende Märtyrer von Lettland

"Für einige Minuten konnte man ihn noch singen hören, dann trat Stille ein."

Pastor Schweitzer war ein lutheranischer Pfarrer, der in seiner Jugend von Deutschland nach Lettland ging. Als Rußland nach dem Ersten Weltkrieg Lettland annektierte, war Pastor Schweitzer unter den ersten, die von den Sowjets gefangen genommen wurden; hauptsächlich, weil er Deutscher war.

Später wurde er als ausländischer Spion angeklagt und zu den Solowezki-Inseln, einer Inselgruppe im Weißen Meer, zwischen Archangelsk und Murmansk, geschickt. Das Konzentrationslager dort war bekannt als "das Gefängnis ohne Hoffnung auf Erden". Einige der Wachleute waren selber Diebe und Kriminelle, die in der Roten Armee gedient hatten. Eine Bande von Halsabschneidern unter dem Kommando ehrbarer Offiziere. Unter den Gefangenen waren Lehrer, Facharbeiter, Arbeiter, Intellektuelle und die "Religiösen".

Nach den üblichen "kulturellen und erzieherischen Lektionen", die alle Gefangenen besuchen mußten, pflegte Pastor Schweitzer jede Gelegenheit zu nutzen, mit Wort und Gesang für Christus zu zeugen. In der Dokumentation "Gottes geheime Armeen" berichtet Johnston über den unüberwindlichen Mut und die ansteckende Freude Pastor Schweitzers: "Sowohl die Wachen als auch die Sträflinge und Verbrecher hatten tödliche Furcht vor dem alten Pastor, dessen Geist weder Prügelstrafen noch Mühsale, Hunger oder Folter brechen konnten. Pastor Schweitzer wurde mit über 60 Jahren die rückgratbrechende Arbeit zugeteilt, einen Schlitten in die Wälder hinein und beladen wieder herauszuziehen. Er ging mit einer Hymne auf den Lippen zur Arbeit. Wenn die Wachen ihn mit Peitschen oder Gewehrkolben schlugen, schaute sie der heilige alte Mann an und murmelte: "Gott vergebe euch."

Nach der fünfzehnminütigen Pause für das übliche Essen aus dünner Maissuppe, heißem Wasser und einer Brotkruste stellte Pastor Schweitzer ein rauhes Holzkreuz auf und leitete seine Mitleidenden in Gebet und Gesang. Häufig wagte niemand, sich mit ihm zu treffen, und der alte Mann absolvierte seinen Gottesdienst allein. Schließlich wurde er zu Einzelhaft in einer Zelle, 900 Meter von der Baracke entfernt, verurteilt. Doch Tag und Nacht konnten die anderen Gefangenen seine Stimme aus der Einzelzelle hören, in Lobgesang den Herrn preisend.

Es war eine furchtbar kalte Nacht im Januar 1947, als Lublinski, der neue Kommandant, ihn mit der Warnung entließ, er solle mit diesem unerträglichen Gesang aufhören. Er kam mitten in der Nacht leise wieder in die Baracke. In der Dunkelheit der kalten Baracken saß Pastor Schweitzer auf seiner Pritsche. "Brüder", sagte er schwächer als er je zuvor gesprochen hatte zwischen quälendem, tuberkulösen Husten, "wollt ihr mit mir singen? Ich konnte Weihnachten nicht mit euch zusammen sein." Aus allen Ecken der schwarzen Baracke vereinigten sich Stimmen in heiligem Gesang. Pastors Schweitzers Stimme über ihnen allen, führte er ihre Geister und ihre Gedanken zu den Tagen zurück, als sie noch Menschen waren.

Lublinski stürmte in den Raum. Der Gesang hielt an. Er packte den alten Mann und schlug ihm hysterisch mit dem Knauf seiner Pistole über Mund, Nase und Augen.

Weder ein Schrei noch ein Wimmern konnte er Pastor Schweitzer entringen.

"Ich werde dich lehren. Ich werde dich brechen. Ich werde dir Strafmaßnahmen zeigen, von denen du dir nie hättest träumen lassen!" schrie Lublinski.

Vier kriminelle Wachleute schleppten den alten Mann davon. Für einige Minuten konnte man ihn noch singen hören, dann trat Stille ein.

Am Morgen, als die Gefangenen herausgeführt wurden, sahen sie in der Mitte des Hofes einen Eisblock. Lublinski hatte Pastor Schweitzer in der arktischen Nacht mit Wasser besprengt.

Zu einer menschlichen Statue gefroren, lag der Körper Pastor Schweitzers auf dem Hof, in der Haltung des Märtyrertums, seine Arme ausgestreckt, ein Kreuz formend.

Der singende Heilige verließ seinen erfrorenen Tempel aus Lehm.

Er singt noch immer!

Quelle: Redemption Tidings ("Die Flamme" )