Das andere Irland

Auf unserem Tisch landete einmal ein Abschnitt aus der Seite 3 der Winterausgabe von 1992 einer unbekannten, aber vermutlich irischen Zeitung. Er enthielt in einer einzelnen Spalte einen bemerkenswerten, detaillierten Brief, der die klaren Ansichten von wenigstens einem unserer Nachbarn jenseits der Irischen See vertritt.

Es handelt sich um ein Bild über die Angelegenheiten dieser Britischen Inseln, das dem Leser der britischen Presse wegen der sonst unentwegt verzerrten Darstellungen kaum bekannt sein dürfte. Das allein ist Grund genug, es unseren Lesern hier vorzustellen. Und damit danken wir auch dem Einsender des Briefes, der betreffenden Zeitung und dem Verfasser.

Verschwörer in einem verrückten Traum

"The Dubliner" schreibt:

3000 Leute wurden getötet. Zehntausende wurden verstümmelt oder ihrer Angehörigen beraubt. Zwei Autostunden von Dublin entfernt sind für Bürger dieser Gesellschaft unvorstellbare Greueltaten an der Tagesordnung. Dennoch hielten nur 37% der Wählerschaft das Problem im Norden für einen wichtigen Punkt bei den allgemeinen Wahlen in der irischen Republik.

Unter denen, die ein wirkliches Interesse am Schicksal des Volkes zum Ausdruck bringen, mit dem wir diese Insel teilen, ist vermutlich ein beachtlicher Teil nationalistischer Fanatiker, die trotz des hohen Preises der terroristischen Morde ihren verrückten Traum eines vereinten Irlands durchsetzen wollen. Auch geht aus Meinungsumfragen und - noch überzeugender - aus täglicher Erfahrung hervor, daß die meisten Leute hier unten kein Interesse am Vereinigten Irland haben. Die nordischen Nationalisten sind sich der Tatsache bewußt, daß sich die Einwohner der Republik Irland nicht um ihren Aufruhr kümmern.

Warum fehlt uns die Anteilnahme?

Es gibt gute Gründe für unseren Mangel an Anteilnahme: die verübten Greueltaten, die ein vereintes Irland zum Ziel haben, die Bombenanschläge auf Geschäfte, die grausame Ermordung von protestantischen Gläubigen, die am Ehrengrabmal in Enniskillen beteten; und auch die von der IRA verübten Massenmorde an bäuerlichen Protestantenfamilien wirken abstoßend auf eine Gesellschaft, die sich dazu entschlossen hat, ihre politischen Auseinandersetzungen auf zivilisierte Weise zu regeln. Wenn wir uns nicht mit den Mitteln identifizieren können, die zur Vereinigung Irlands angewandt werden, uns sogar durch sie abgestoßen fühlen, dann ist es sehr unwahrscheinlich, daß wir uns mit der Angelegenheit selbst identifizieren. Das ist ein Grund, weswegen sich die nordirischen Nationalisten in diesem Teil der Welt so geringer Unterstützung erfreuen.

Es gibt auch noch weitere Gründe. Die Nationalisten behaupten, sie seien Opfer von Diskriminierung geworden. Wir sympathisierten so lange mit ihnen, bis wir das Maß der Diskriminierung im Bereich der Arbeits- und Wohnverhältnisse erfaßten und erkannten, daß das, was die Katholiken im Norden zu erleiden hatten, Tatsachen im täglichen Leben aller Gesellschaften sind.

Vorurteile und Ungerechtigkeit wurden nicht von den nordirischen Protestanten erfunden. Diskriminierung existiert überall, und in diesem Zusammenhang besonders, da man in der Republik Irland gewissermaßen dazu verurteilt war, ein schlimmeres Dasein als in Derry oder West-Belfast zu fristen, wenn man z.B. in der Sheriff Street oder in Ballyfermot arm geboren war.

Die Armen von Dublin, aus Limerick, Cork und Waterford waren und sind immer noch Opfer abscheulicher Diskriminierung. Ihre Wohnverhältnisse sind armselig, ihre Möglichkeiten für eine gute Ausbildung ernstzunehmend eingeschränkt, die Arbeitslosigkeit unter ihnen steigt, und im Gegensatz zu ihren nordirischen katholischen Landsleuten werden die Armen in dieser Gesellschaft, ebenso wie jeder andere hier unten, Gesetzes wegen ihre religiösen und moralischen Ansichten verleugnen, falls diese nicht mit der römisch-katholischen Lehre übereinstimmen.

In der Republik herrscht fortwährende Schikane

Wenn sich die nordirischen Nationalisten über Schikanen durch die Sicherheitskräfte beklagen, dann wissen wir, was sie meinen. Fortwährende Schikanierung ist vielmehr auf heimtückische Weise für jeden Bürger in dieser Republik Bestandteil des täglichen Lebens. Diejenigen von uns, die durch die autoritären Lehren der katholischen Kirche gebunden sind, die durch unsere Verfassung abgesichert sind, haben ihre Erfahrungen hinsichtlich Diskriminierung gemacht. Ebenso haben dies die Bürger dieser Republik, die keinen Zutritt zu einem nationalen Gesundheitsdienst haben. Zahnärztliche Versorgung ist für die meisten im Süden ein Luxus.

Wenn Ihre Tochter infolge sexuellen Mißbrauchs schwanger wird, und Sie bemühen sich für sie um die gütige Erlaubnis für einen Schwangerschaftsabbruch, kann es sein, daß der Oberstaatsanwalt eine gerichtliche Verfügung gegen Sie verhängt, die Ihnen in Ihrem ohnehin schon elenden Zustand verbietet, ins Ausland zu reisen. Wir wissen von Diskriminierung und Verleugnung von Menschenrechten.

Wir wissen, was zum Leben gehört, und wir verstehen den Unterschied zwischen einer geeigneten und einer ungeeigneten Antwort auf den Wandel dieser Welt. Unschuldige - oder auch schuldige Leute zu ermorden, ist falsch. Deswegen ermorden wir weder unsere Bischöfe, noch sprengen wir unsere Politiker in die Luft. Wir sind verärgert. Wir streiten mit ihnen. Oder wenn wir jung und weltoffen sind, wandern wir an erträglichere Orte aus und üben in unserem weiteren Leben die Freiheit aus, die wir besitzen.

Der Grund, warum die nordirischen Probleme bei uns so wenig Priorität besitzen, sollte nun klar sein. Schwerer verständlich ist jedoch, warum die Vertreter der Öffentlichkeit - die Politiker, Journalisten und die sogenannten Intellektuellen - weiter darin beharren, die Wünsche der Mehrheit der Bürger dieses Staates zu ignorieren. Vor langer Zeit, im Jahre 1967, kam eine parlamentarische Untersuchung unserer verfassungsmäßigen Einstellung gegenüber dem Norden zu dem Schluß, daß die Artikel 2 und 3 der Verfassung, die den absurden Anspruch Irlands auf das nordirische Gebiet, die dominierende Geltung des irischen Gesetzes und das Bestreben zur Vereinigung beider Inseltraditionen erklärte, gemäßigt werden sollten. Sean Lemass, der Führer der Fianna Fail (= "Schicksalskämpfer"), gab den Anreiz für das weise und großzügige Verständnis über unsere Realität.

Reagiert die irische Republik auf Menschenrechte?

Sean Lemann kannte die Leute, denen er vorstand, und hatte den Mut, ihre Gedanken auszusprechen: nämlich, daß diese Republik kein Hafen der Menschenrechte ist. Lemass wußte und räumte bereitwillig ein, daß man von den protestantischen Loyalisten, mit denen wir diese Insel teilen, nicht wirklich erwarten könne, daß sie einer Regierung von Dublin zustimmen würden. 3000 Morde später ist immer noch keine wirkliche Veränderung zu sehen. Die Leute sind nicht daran interessiert, die irische Einheit auf bösartige Weise zu erlangen. Wie Sean Lemass erkennen wir, daß wir bei den Problemen anderer Menschen nicht helfen können und daß wir uns um unsere eigenen Probleme kümmern müssen, die heute schlimmer sind als je zuvor. Die nordirische Frage sollte in dieser Wahl unserer politischen Tagesordnung beigefügt werden, jedoch nicht aus den Gründen, die von den jetzigen Führern der Partei von Sean Lemass und anderen, wie Garret Fitzgerald oder der ekelhaft zwiespältigen Intelligenz des Südens vertreten werden, welche fordern, daß etwas unternommen werden muß.

Es wird etwas getan, schon durch die letzte Amtsperiode hindurch wurde etwas getan - etwas Tückisches und Hinterhältiges. Die Unionisten und Loyalisten, die die wirkliche Minderheit auf dieser katholischen Insel darstellen, sind in eine Ecke gedrängt worden, aus der es im Laufe der Zeit immer weniger ein Entrinnen zu geben scheint. Und die Welt verschwört sich gegen unsere protestantische Minderheit. Sie bleibt auf der Anklagebank für schwere, außerordentliche Verbrechen, derer sie fälschlicherweise angeklagt wird. Ihr Verbrechen ist Diskriminierung.

Können wir hier im Süden mit unserer erbärmlichen katholischen Verfassung so eine Sache wirklich anklagen? Können wir hier einer Meinung sein mit der IRA, der brutalsten Terrororganisation der westlichen Welt? Wie steht denn die IRA zur Frage der Diskriminierung, die - in unserem Namen - Babys, Frauen und Passanten ermordet?

Diese Minderheit behält recht

Die IRA verkündet, daß sie mit den Mordanschlägen nicht eher aufhören wird, bis die Briten Irland verlassen haben. Tatsache ist, daß die Briten auf dieser Insel bleiben werden, als eine Million ehrlicher Leute protestantischen Glaubens, die davon überzeugt sind, daß ihre Menschenrechte eher durch die Regierung von Westminster als von Dublin garantiert werden. Mit dieser Verbindung hat die Minderheit dieser Insel von Grund auf recht. Sie leben in einer pluralistischen Gesellschaft, und wir können dieses Ideal nur anstreben.

Der Grund, weswegen die Frage Nordirlands ein Hauptthema bei dieser Wahl sein sollte, liegt darin, daß diese Gesellschaft aller Voraussicht nach Gefahr läuft, eines Tages einen schrecklichen Preis für ihre zwiespältige Haltung in dieser Angelegenheit zu bezahlen. Diejenigen unter uns, die den Stand der Dinge kennen, die Gefühle der Protestanten respektieren und wissen, daß sie an keinem heimtückischen Verbrechen schuld sind, sind in keiner schlimmeren Angelegenheit schuldig als einfach nur nach menschlichem Ermessen den Befürchtungen und Vorurteilen gegenüber diesen Verhältnissen aufgeschlossen zu sein; und wir sind damit passive Verschwörer in einem irrsinnigen Traum, der bald zu einem Alptraum werden kann.

Nehmen wir an, das britische Volk auf der "Hauptinsel" werde müde, seine unruhige Provinz zu unterstützen, wie viele dies bereits hoffen. Und nehmen wir bei nüchterner Betrachtung an, daß eine künftige britische Regierung die Entscheidung träfe, daß es eine bessere Möglichkeit gäbe, 2 Milliarden jährlich anzulegen, als sie für ein ernstes "zwischenstaatliches Problem", das Nordirland heißt, zu verschwenden. Was dann? Einige behaupten, daß sich die Unionisten dann in ihr Schicksal ergeben werden, andere glauben, daß sie für ihre Freiheit zu leben, wie sie möchten, kämpfen werden, anstatt sich von einer Koalition aus "Albert" und "Papst" regieren zu lassen. Viele hier im Süden werden auf der Seite ihrer protestantischen Nachbarn kämpfen wollen. Der Kampf wäre für eine gerechte Sache. Die Feinde wären hinterhältiger Nationalismus und Zwiespältigkeit.

Als die Gesprächsrunde um Nordirland scheiterte, sagte unser Außenminister David Andrews, daß "Fortschritte" erzielt worden seien. Eine Analyse dieser Diskussionsunterlagen zeigt, wie irreführend diese Behauptung ist. Zu einem vereinigten Irland, das wir uns nicht leisten können? Zu einem vereinigten Irland, das von Großbritannien finanziert wird? Oder Fortschritt hin zu jenem fürchterlichen Tag, an dem sich die anständige, immerfort verleumdete Minderheit der protestantischen Briten dieser Insel ängstlich und wütend erheben wird, um unsere Irreführung bekannt zu machen und bis zum bitteren Ende zu kämpfen, um nicht von den Männern, die in Südirland ein solches Chaos verursacht haben, regiert zu werden.

Quelle: WAKE UP!, Mai/Juni 1993