Als Gott noch keine Konkurrenz hatte

Neue Einblicke in die Kanzelkultur der Puritaner

Stell dir eine gebildete Gesellschaft vor, in der es keine Zeitungen, Zeitschriften und noch nicht einmal Post gibt, in welcher das einzige regelmäßige Medium öffentlicher Information die Predigt ist, zweimal sonntags und oft auch innerhalb der Woche, für Kirchengemeinden, versammelt auf Holzbänken in zugigen Gebetshäusern. Stell dir das vor, und du befindest dich in der Welt des kolonialen Neuengland, wo laut dem Yale Historiker Harry S. Stout der Durchschnittsbürger in seinem Leben über 7000 Predigten hörte, was etwa 15000 Stunden konzentrierte Aufmerksamkeit erforderte.

In seinem wichtigen neuen Buch "The New England Soul" (398 Seiten, Oxford University Press, $29.95) rekonstruiert Stout die "Hörkultur" des puritanischen Amerika als einen einzigartigen Augenblick amerikanischer Geschichte. Die Predigt war keine Moralpredigt, die man zu ertragen hatte, sondern ein soziales Heiligtum, in dem das Fleisch der alltäglichen Erfahrung rituell von dem Prediger in das gesprochene Wort Gottes umgewandelt wird.

Nach 9 Jahren Arbeit basiert dieses Buch auf den allerneuesten Beweisen: Über 2000 Manuskripte und handgeschriebene Predigtnotizen, die die Kolonialprediger an Sonntagmorgenden auf die Kanzeln trugen. Dieses Material deckt die beispiellose Reichweite der Kanzel im puritanischen Neuengland auf und zeigt - daraus folgernd - warum Predigten seit der Amerikanischen Revolution nie wieder so kraftvoll gewesen sind.

Obwohl die Puritaner privat in der Bibel lasen, beharrten ihre Pastoren darauf, daß sie nur in der Sonntagspredigt sicher sein konnten, das reine Wort Gottes zu hören und durch den Heiligen Geist umgewandelt zu werden. Wenngleich sie vielleicht schon wiedergeboren waren, wurden die Gläubigen von der Kanzel aus ständig davor gewarnt, Ehre für ihre Errettung oder ihre guten Taten anzunehmen. Dennoch wurden sie dazu getrieben, Gutes zu tun und Gottes Gesetz zu gehorchen, damit der Herr Sein Volk nicht verwürfe. Gefangen in diesen geistlichen Paradoxen, vertrauten die Puritaner ihren Predigern als Experten für das Wesen der Seele und der Sabbat-Predigt, dem Moment, wenn die ganze Gemeinde versammelt war, um, so sagt Stout, "Gott sprechen zu hören".

Arbeit niedergelegt: Außer den vierteljährlichen Stadttreffen boten die Gottesdienste die einzigen Anlässe, zu denen sich die ganze Gemeinde versammelte. Sie versammelten sich auch zu jedem anderen öffentlichen Ereignis: Wahltage, Erntedank, Beerdigungen und militärische Veranstaltungen. Immer wenn ein Prediger etwas zu sagen hatte, wurde ein Fastentag angekündigt: alle Arbeit wurde niedergelegt, während sich die ganze Gemeinde versammelte, oft für die Dauer von zwei Stunden am Stück, um an ihr einzigartiges gemeinsames Wesen als Gottes "Neues Israel" zu erinnern, und an ihre Pflicht, eine Gesellschaft aufrechtzuerhalten, die dieses Bundes wert ist.

Weder reicher noch ärmer als ihre meist ländlichen Herden waren die puritanischen Prediger gewöhnlich die einzigen Intellektuellen des Dorfes. Im Arbeitszimmer des Pastors waren die einzigen Bücher der Gemeinde, abgesehen von der Bibel, untergebracht, und Harvard und Yale wurden gegründet, um die Kolonie mit Geistlichen zu versorgen, die in der Heimat ausgebildet wurden. Was auch immer er sonst noch tat, der puritanische Pastor verstand, daß der Gottesdienst immer an erster Stelle zu stehen hat. Seine Nächte waren mit Selbstprüfung, manchmal auch auf Knien, dem Bibelstudium und der Vorbereitung der Notizen ausgefüllt. Am Samstag würde er dann, notierte Increase Mather in seinem Tagebuch, "die Predigt in mein Gedächtnis einprägen", damit Gott am Sonntag frei durch ihn sprechen konnte. Anders als die Prediger ihrer Zeit benutzten puritanische Pastoren in ihren Predigten selten das Wort "ich", denn auch sie waren Sünder in den Händen eines zornigen Gottes.

Schwere Augenlider: Die erste Generation von Puritanern predigte einer gespannten Zuhörerschaft; es war ja auch sonst nichts los in der Stadt. Jedoch stießen einige Prediger in Neuengland gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf eine schwerfällige Gleichgültigkeit in den Kirchenbänken. Timothy Edwards, der Vater des berühmten puritanischen Geistlichen Jonathan Edwards, klagte über Zuhörer, die "sich zur Zeit der Anbetung Gottes sündhaft einer dösigen, schläfrigen Stimmung hingeben". William Brattle flehte seine Versammlung an, "den Botschaftern Christi ihre Liebe entgegenzubringen", indem sie "nicht über sie nörgeln". Aber das Nörgeln war nun mal das Vorrecht der Laien, und viele von ihnen waren geschickte Kritiker. Anders als in modernen Gemeinden, so beobachtet es Stout, betrachteten die Puritaner ihre Zuhörer in der Kirchenbank als Gottes "Wachmänner", von denen erwartet wurde, daß sie die Predigten analysierten und jeden Prediger verbesserten, der eine neue Auslegung der Schrift wagte.

Nach Stouts Bericht kam der erste Schlag gegen die kanzelorientierte Kultur Neuenglands während der großen Erweckung (1740-1743), als George Whitefield, Amerikas erster Großevangelist, die Predigt in die Straßen trug und gegen das "Kopfwissen" der in Harvard trainierten Geistlichen schimpfte, indem er ohne Notizen predigte. Fortan würden in Amerika die protestantischen Laien immer wieder dem verbalen Wettstreit um die Seelen zwischen umherziehenden Wanderpredigern, die Meister der dramatischen Vortragsweise sind, und den eher gemäßigten Ermahnungen der ausgebildeten Gemeindegeistlichen ausgesetzt sein.

Wie Stout beobachtete, entstanden nach der Amerikanischen Revolution neue Glaubensgemeinschaften, "deren einzige anerkannte Autorität das Bibellesen jeder einzelnen Person ohne fremde Unterweisung war". Die Prediger predigten natürlich weiterhin, aber nie wieder würden ihre Worte mit der Autorität erklingen, mit der die Puritaner diese Überzeugung verkündeten. Und jetzt? Radio und Fernsehen haben ein neues Babel der hörbaren Welt geschaffen, wo bekannte Evangelisten um Publikum wetteifern und immerzu "Ich" rufen. Die Sonntagspredigten überleben natürlich trotzdem, aber nur als kurze Andachten für die weniger Aufmerksamen, gehalten von Predigern, die darauf bedacht sind, Wohlwollen zu erzeugen. Im Gegensatz dazu erinnert Stouts Neuengland an ein weniger abgelenktes Zeitalter, als der Prediger die Art der kulturellen Ruhe voraussetzen konnte, ohne die man das Wort nicht hören kann.

Kenneth L. Woodward

Quelle: Newsweek, 3. November 1986